Die Kluft zwischen 0,79 und 3 Prozent

Die Verhandlungen über den neuen Kollektivvertrag (KV) der Chemiebranche sind in einer Sackgasse gelandet. Trotz eines Zugeständnisses der Arbeitnehmerseite, die ursprüngliche Forderung eines Lohn- und Gehaltsplus von 3,5 Prozent auf 3 Prozent zu senken, bleibt die Distanz zu den Angeboten der Arbeitgeber massiv. Laut einem Bericht von DiePresse.com liegt das aktuelle Angebot der Arbeitgeberseite entweder bei einer Erhöhung von 0,5 Prozent plus einer Einmalzahlung von 300 Euro oder bei 2 Prozent, allerdings erst im Zeitraum von Oktober 2026 bis April 2028.
Letzteres würde rechnerisch einer jährlichen Steigerung von lediglich 0,79 Prozent entsprechen. Für die Verhandlungsleiter Hubert Bunderla (Pro-Ge) und Mario Mayrwöger (GPA) ist dieses Angebot nach sieben Gesprächsrunden nicht mehr akzeptabel.
„Das ist mehr als unverschämt und zeigt die Geringschätzung, die den Beschäftigten entgegengebracht wird.“
Hubert Bunderla und Mario Mayrwöger, Verhandlungsleiter der Arbeitnehmerseite
Die Fronten sind verhärtet. Während die Gewerkschaften auf eine nachhaltige Sicherung der Kaufkraft pochen, sieht die Arbeitgeberseite, vertreten durch den Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), kaum Spielraum für dauerhafte Erhöhungen.
Ausweitung der Streiks in der Produktion

Die Strategie der Gewerkschaften verschiebt sich nun von kurzen Warnsignalen hin zu spürbaren Betriebsstörungen. In der vergangenen Woche gab es bereits mehrere zweistündige Warnstreiks, unter anderem bei Boehringer Ingelheim, Octapharma, Lenzing sowie im Chemiepark Linz. Wie ORF berichtet, werden diese Aktionen ab der kommenden Woche auf befristete Streiks von bis zu acht Stunden ausgeweitet.
Ein deutliches Signal sendete bereits die Pharmaindustrie in Kundl. Dort legten rund 400 Beschäftigte, primär von Novartis und Sandoz, ihre Arbeit für zwei Stunden nieder. Die Streikenden fordern nicht nur Lohnanpassungen, sondern auch soziale Verbesserungen.
Die Forderungskataloge der GPA und Pro-Ge umfassen konkrete Punkte, die über das reine Gehalt hinausgehen:
Die Gewerkschaften argumentieren, dass die Belastungen für die Belegschaften steigen, während die Industrie gleichzeitig wieder eine Aufwärtstendenz zeige. Ein „Krisenabschluss“ sei daher nicht gerechtfertigt.
Das deutsche Nulllohn-Modell als Drohkulisse
Die Arbeitgeberseite rechtfertigt ihre Zurückhaltung mit dem internationalen Wettbewerbsdruck. Der FCIO verweist dabei explizit auf die Entwicklung im wichtigsten Absatzmarkt der heimischen Industrie: Deutschland. Wie die Salzburger Nachrichten berichten, wurde in der deutschen Chemiebranche für 2026 eine Nulllohnrunde vereinbart.
Ernst Gruber, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, warnt davor, dass zu hohe Lohnabschlüsse den Standort Österreich gefährden könnten. Der Kostenabstand zu den Mitbewerbern würde steigen, was in einer Branche, die bereits unter strukturellem Druck steht, fatale Folgen hätte.
„Streiks schaden dem Standort, aber zu hohe Abschlüsse noch viel mehr.“
Ernst Gruber, Verhandlungsführer des FCIO
Die Zahlen untermauern die Sorge der Unternehmen: Allein im vierten Quartal 2025 gingen in der Branche 600 Arbeitsplätze verloren. Die rund 230 betroffenen Unternehmen, die in Bereichen von Pharmazeutika über Kunststoffe bis hin zu Düngemitteln tätig sind, sehen sich in einer prekären Lage.
Ein Vertrag im Zeitvakuum

Besonders brisant ist die zeitliche Komponente. Der neue Kollektivvertrag sollte eigentlich bereits seit dem 1. Mai gelten. Damit befinden sich die 50.000 Beschäftigten und ihre Arbeitgeber seit über einem Monat in einem rechtlichen und finanziellen Vakuum.
Die gegenseitigen Vorwürfe nach der siebten Verhandlungsrunde zeigen, wie tief der Graben ist. Während die Arbeitgeberseite bedauert, dass die Gewerkschaften die Gespräche „aus nicht nachvollziehbaren Gründen“ am späten Abend abgebrochen haben, sieht die Arbeitnehmerseite in den Angeboten eine bewusste Herabsetzung der Belegschaft.
Laut Berichten von ORF Tirol betonten lokale Gewerkschaftsvertreter wie Harald Schweighofer (GPA) und Thomas Giner (PRO-GE), dass eine nachhaltige Erhöhung essenziell sei, um die Kaufkraft in Österreich zu sichern. Eine Einmalzahlung von 250 Euro, wie sie in einigen Entwürfen diskutiert wurde, wird als völlig unzureichend eingestuft.
Aktuell ist kein weiterer Verhandlungstermin fixiert. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Ausweitung der Streiks auf acht Stunden die Arbeitgeber an den Tisch zwingt oder ob die Branche auf eine längere Phase der Instabilität zusteuert. Für die Unternehmen bedeutet dies nicht nur Produktionsausfälle, sondern auch eine zunehmende Verunsicherung in einer ohnehin volatilen globalen Chemieindustrie.