Die Rolle der Progwin Shipping SA in Genf
Die Spuren des illegalen Ölhandels führen direkt in die Genfer Finanz- und Logistikwelt. Wie SRF berichtet, spielte die Firma Fractal Shipping SA eine zentrale Rolle. Bereits 2022 übernahm das Unternehmen die Verwaltung einer Flotte von etwa 30 alten Öltankern, die zunächst für den Transport von russischem Öl genutzt wurden.
Als der Westen die Sanktionen gegen Russland verschärfte, reagierte der CEO von Fractal, Mathieu Philippe, mit einer strategischen Verschiebung: Er gründete eine Tochtergesellschaft in Dubai. Diese Manöver hielten nicht lange vor den US-Behörden stand. Seit Juli 2025 stehen sowohl Mathieu Philippe als auch seine Firmen in Dubai und Genf auf der US-Sanktionsliste.
Die Firma versuchte, ihre Identität zu verschleiern. Ende 2024 änderte die Fractal Shipping SA ihren Namen in Progwin Shipping SA. Trotz der rechtlichen Probleme war die Firma finanziell äußerst erfolgreich. Auf der eigenen Website wies das Unternehmen noch im Jahr 2025 einen Jahresumsatz von über einer Milliarde Dollar aus.
Das Netzwerk von Hossein Shamkhani und der Russland-Deal
Hinter den Schweizer Logistikfirmen steht laut den USA ein komplexes Geflecht, das von Hossein Shamkhani gesteuert wird. Shamkhani ist der Sohn von Ali Shamkhani, dem ehemaligen Berater von Ayatollah Ali Chamenei. Beide – der Vater sowie der höchste religiöse Führer des Irans – starben laut den vorliegenden Informationen bei Bombardierungen durch Israel und die USA.
Hossein Shamkhani nutzt dieses Netzwerk, um iranisches Öl unter Umgehung internationaler Sanktionen nach China und Indien zu liefern. Die finanziellen Gewinne aus diesen Geschäften dienen der Finanzierung der iranischen Revolutionsgarden.
Besonders brisant ist die Verflechtung mit dem Kreml. Die USA machen deutlich, dass ein Tauschgeschäft stattfand: Shamkhani lieferte dem Putin-Regime iranische Raketen und Drohnen. Im Gegenzug erhielt er russisches Öl, das er über die sogenannte Schattenflotte abwickelte. Das US-Finanzamt bestätigte, dass hierfür gezielt Tanker aus den Firmen von Mathieu Philippe eingesetzt wurden, um die Ware in russischen Häfen aufzunehmen.
Geldwäsche in Zug: Die Ocean Leonid Investments AG
Neben der Logistik in Genf gibt es eine finanzielle Spur, die in den Kanton Zug führt. Dort wurde die Ocean Leonid Investments AG gegründet. Der Gründer, Mahdiyar Zare Mojtahed, ist ein Geschäftspartner von Hossein Shamkhani. Um seine Herkunft zu verschleiern, registrierte sich der Iraner im Handelsregister als Bürger der Karibikinsel Dominica.
Die Ocean Leonid Investments AG agierte als Hedgefonds und tätigte Hochrisikogeschäfte mit Wertpapieren aus dem Rohstoffsektor. Die US-Behörden kamen zu dem Schluss, dass der Fonds dazu genutzt wurde, die Gewinne aus Shamkhanis illegalem Ölhandel anzulegen. Infolgedessen stellte das US-Finanzamt das Schweizer Unternehmen im Juli unter Sanktionen. Aktuell befindet sich die Firma in Liquidation.
Globale Ausweichmanöver und die Wellbred Group
Das Netzwerk beweist eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. Während einige Firmen wie Ocean Leonid enttarnt und liquidiert wurden, tauchen an anderen Orten neue Akteure auf.
Ein aktuelles Beispiel ist die in Singapur beheimatete Wellbred Group. Gegen dieses Unternehmen führt die US-Staatsanwaltschaft derzeit ein Einziehungsverfahren durch, da auch die Wellbred Group in das Shamkhani-Netz verstrickt sein soll.
In der Schweiz bleibt die offizielle Reaktion verhalten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verweigert bislang jegliche Stellungnahme zu dem Fall oder zur Frage, ob durch diese Konstrukte gezielt Schweizer Sanktionen umgangen wurden.
Die Dynamik des Falls zeigt, wie eng die Logistikketten zwischen Russland und dem Iran verwoben sind und welche Rolle neutrale Finanzplätze wie Genf und Zug dabei spielen. Die US-Sanktionen vom April gegen das Firmengeflecht Shamkhanis waren nur ein Teil einer größeren Strategie, die nun immer tiefer in die europäische Firmenstruktur eingreift.