Bundesstaatsanwälte haben am Mittwoch einen Google-Sicherheitsingenieur in New York verhaftet, dem vorgeworfen wird, durch Insiderhandel auf der Plattform Polymarket 1,2 Millionen US-Dollar verdient zu haben. Michele Spagnuolo nutzte laut Anklage vertrauliche interne Daten des Tech-Giganten, um den meistgesuchten Begriff des Jahres 2025 präzise vorherzusagen und so betrügerische Gewinne zu erzielen.
Der AlphaRaccoon-Algorithmus: Wie Spagnuolo das System ausnutzte
Der Fall Michele Spagnuolo ist kein Beispiel für einen glücklichen Tipp, sondern für einen systematischen Missbrauch von Privilegien. Der 36-jährige italienische Staatsbürger, der seit 2014 für Google tätig ist und in den Büros in Zürich, Schweiz, stationiert war, hatte Zugriff auf hochsensible Datenströme. Laut der Anklage, die im Southern District of New York eingereicht wurde, nutzte er ein spezielles internes Software-Tool, um nicht öffentliche Daten der „Year in Search“-Statistiken einzusehen.
Unter dem Pseudonym AlphaRaccoon
platzierte Spagnuolo zwischen Oktober und Dezember 2025 gezielte Wetten auf Polymarket. Sein Hauptziel war die Vorhersage der meistgesuchten Person des Jahres 2025. Während der breite Markt spekulierte, wusste Spagnuolo bereits, dass der Sänger d4vd diesen Titel erringen würde. Die Entscheidung für d4vd war jedoch weniger auf musikalischen Erfolg als auf einen makabren Medienrummel zurückzuführen: Der Sänger geriet unter massive öffentliche Beobachtung, nachdem er unter Mordverdacht geraten war und im April schließlich angeklagt wurde, wie WIRED berichtet.
„Im Gegensatz zu den Gegenparteien seiner Geschäfte kannte Spagnuolo den Ausgang dieser Wetten, bevor die Handelsöffentlichkeit es tat, weil er auf vertrauliche, kommerziell wertvolle interne Daten von Google zugegriffen hatte.“
Brandon Racz, FBI-Agent
Die Präzision seiner Trades weckte bereits im Dezember Verdacht bei anderen Nutzern der Plattform, die die ungewöhnlichen Bewegungen im Konto von AlphaRaccoon bemerkten. Als Google die offiziellen Ergebnisse der Suche für 2025 am 4. Dezember 2025 veröffentlichte, wurde der Profit von etwa 1,2 Millionen US-Dollar realisiert.
Die juristische Bilanz: Millionen-Kautionssumme und Vorwürfe
Die US-Justiz geht mit voller Härte gegen den Ingenieur vor. Spagnuolo wird nicht nur des Betrugs bezichtigt, sondern sieht sich einem Paket aus schweren Bundesstraftaten gegenüber. CNBC berichtet, dass die Anklage Geldwäsche, Rohstoffbetrug (Commodities Fraud) und Drahtbetrug umfasst.

Die finanziellen Implikationen des Falls ziehen sich durch das gesamte Verfahren. Während sein Gewinn bei 1,2 Millionen US-Dollar lag, setzte ein Bundesrichter die Kautionssumme für seine Freilassung auf einen deutlich höheren Betrag fest.
| Posten | Betrag (USD) |
|---|---|
| Geschätzter Profit aus Insider-Trades | 1,2 Millionen |
| Festgesetzte Kautionssumme | 2,25 Millionen |
Bei seinem ersten Auftritt vor einem Bundesrichter am Mittwoch legte Spagnuolo kein Plädoyer ab. Neben dem Strafverfahren droht ihm zudem eine zivilrechtliche Klage der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), was die regulatorische Zange verdeutlicht, die sich nun um den ehemaligen Google-Mitarbeiter schließt.
Polymarket im Visier: Systemisches Risiko oder Einzelfall?
Dieser Fall ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines wachsenden Trends, bei dem Vorhersagemärkte als Instrument für Insiderhandel genutzt werden. Es ist bereits der zweite hochkarätige Fall dieser Art innerhalb eines Monats im Southern District of New York. Im April wurde Gannon Ken Van Dyke, ein Master Sergeant der US Army Special Forces, verhaftet, weil er geheime Informationen über die Operation zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro für Wetten nutzte.
Die Plattform Polymarket selbst befindet sich in einer prekären Lage. Während eine kleinere Version legal in den USA operiert, ist die weitaus größere Offshore-Variante, die auf Kryptowährungen basiert, technisch in den USA blockiert. Dennoch nutzen US-Bürger sie weiterhin.
Die politische Aufmerksamkeit nimmt zu. Laut WIRED hat James Comer, Vorsitzender des House Committee on Oversight and Government Reform, eine Untersuchung zu Insiderhandel auf Vorhersagemärkten eingeleitet und Informationen darüber gefordert, wie Polymarket seine Kunden überprüft.
„Polymarket hat eng mit dem US-Staatsanwalt für den Southern District of New York und der CFTC zusammengearbeitet und ist die einzige Vorhersageplattform, deren Kooperation bisher zu Anklagen wegen Insiderhandels in den Vereinigten Staaten geführt hat.“
Connor Brandi, Sprecher von Polymarket
Diese Strategie der Kooperation scheint ein Versuch der Plattform zu sein, sich von den illegalen Aktivitäten ihrer Nutzer zu distanzieren und gleichzeitig die eigene regulatorische Compliance zu beweisen.
Ein Sicherheitsleck bei Google: Das Problem der internen Tools
Für Google ist der Fall mehr als nur ein ärgerliches Ereignis mit einem einzelnen Mitarbeiter; er offenbart eine Schwachstelle in der internen Datenverwaltung. Besonders brisant ist die Tatsache, dass das genutzte Tool nicht nur einer kleinen Elite vorbehalten war.

„Wir arbeiten mit den Strafverfolgungsbehörden an ihrer Untersuchung. Der Mitarbeiter hat auf unser Marketingmaterial über ein Tool zugegriffen, das allen Mitarbeitern zur Verfügung steht, aber die Nutzung solcher vertraulichen Informationen für Wetten ist ein schwerwiegender Verstoß gegen unsere Richtlinien. Wir haben den Mitarbeiter beurlaubt und werden die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.“
Jaclyn Vazquez, Google-Sprecherin
Dass ein Tool, das allen Mitarbeitern zur Verfügung steht
, den Zugriff auf kommerziell wertvolle und vertrauliche Daten ermöglicht, die für Millionenwetten genutzt werden können, wirft Fragen zur internen Zugriffskontrolle (Access Control) auf. In der Welt der Cybersicherheit ist das Prinzip des Least Privilege
— also nur so viel Zugriff wie unbedingt nötig — Standard. Google scheint hier eine Lücke gelassen zu haben, die Spagnuolo schamlos ausnutzte.
Die Branche sieht sich mit einer neuen Art von Insider-Bedrohung konfrontiert. Während traditioneller Insiderhandel meist Aktien betrifft, verlagert sich das Risiko nun auf Informationsprodukte und Vorhersagemärkte. Der Fall Spagnuolo zeigt, dass Daten über Suchtrends heute genauso wertvoll und manipulierbar sind wie Quartalszahlen eines börsennotierten Unternehmens.