Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat seinen geplanten Besuch in den USA diese Woche abgesagt und konzentriert seine Nordamerikareise stattdessen auf Kanada. Hintergrund ist ein blockierter politischer Kanal nach einem Zerwürfnis zwischen Donald Trump und Friedrich Merz sowie ein milliardenschweres U-Boot-Geschäft, bei dem das deutsche Unternehmen TKMS gegen südkoreanische Konkurrenz antritt.
Der blockierte Kanal nach Washington
Die Absage der USA-Reise ist mehr als ein bloßer Terminkonflikt. Zwar begründete ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber Welt das Aus mit der Teilnahme von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth am Shangri-La-Dialog in Singapur, doch die diplomatische Atmosphäre ist toxisch. Ein Insider beschreibt die Lage drastisch: Der politische Kanal zwischen Berlin und Washington sei „vorerst blockiert“.

Auslöser ist ein öffentlicher Streit zwischen US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz über den Krieg im Iran. Trump reagierte auf die Kritik Merz mit harten militärischen Konsequenzen: Er kündigte den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an und setzte die Stationierung einer Einheit mit Tomahawk-Marschflugkörpern aus.
Pistorius hatte bereits letzte Woche angedeutet, dass der Washington-Stopp unsicher sei. Ein Besuch in Norfolk, Virginia, um deutsche Soldaten zu treffen, ist damit hinfällig. Die Reise konzentriert sich nun ausschließlich auf Montreal und Ottawa.
Das 17-Milliarden-Euro-Wettrennen um Kanadas Flotte
Während die Beziehung zu den USA kriselt, versucht Deutschland in Ottawa ein industriepolitisches Schwergewicht zu setzen. Im Zentrum steht ein potenzieller Großauftrag für das Kieler Unternehmen ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). Es geht um die Lieferung von bis zu zwölf neuen U-Booten vom Typ 212 CD – ein Geschäft mit einem Volumen von rund 17 Milliarden Euro, wie Tagesschau berichtet.
Deutschland konkurriert dabei mit dem südkoreanischen Unternehmen Hanwha Ocean. Während der Wettbewerber aus Seoul mit schnelleren Lieferzeiten und niedrigeren Kosten lockt, setzt Berlin auf eine langfristige strategische Partnerschaft innerhalb der NATO. Norwegen ist bereits Partner des 212 CD-Projekts; Kanada soll nun folgen, um die Interoperabilität des Bündnisses zu stärken.
„Es geht nicht darum, dass irgendjemand etwas kauft und dann ’see and forget‘. Es geht um viel mehr: um Kooperation auf Jahrzehnte.“
Boris Pistorius, BundesverteidigungsministerDie strategische Logik ist simpel: Zu viele verschiedene Waffensysteme innerhalb der NATO werden als Schwäche gewertet. Tore Sandvik, der norwegische Verteidigungsminister, unterstreicht die Notwendigkeit einheitlicher Standards, da „Waffen kompatibel sein müssen unter Partnerländern“ und man daher die gleichen Systeme kaufen müsse.
Kanada als strategischer Anker für Mittelmächte
Die Reise nach Ottawa, die laut Deutschlandfunk bereits begonnen hat, folgt einer neuen geopolitischen Realität. Da die USA unter Trump nicht mehr als verlässlicher Bündnispartner agieren, rücken die sogenannten Mittelmächte näher zusammen. Kanadischer Premierminister Mark Carney formulierte diese Notwendigkeit bereits vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

„Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“
Mark Carney, Premierminister von Kanada- Sicherheit in der Arktis: Ein zunehmend wichtiger strategischer Raum.
- Ukraine-Hilfe: Abstimmung über weitere Unterstützung für Kiew.
- NATO-Gipfel im Juli: Vorbereitung der Agenda für das anstehende Treffen der Allianz.
- Cansec-Konferenz: Pistorius nimmt an der Sicherheitskonferenz teil, um die deutsche Rüstungsindustrie zu präsentieren.
Die deutsche Strategie zielt darauf ab, durch gemeinsame Investitionen in die Widerstandsfähigkeit Kosten zu senken und die sogenannte Zersplitterung der Systeme zu reduzieren.
US-Truppenabzug und die Erosion der Sicherheitsgarantien
Die Absage des USA-Besuchs ist das sichtbare Symptom einer tieferen Entfremdung. Wie BILD berichtet, signalisiert Washington eine deutliche Reduzierung seiner militärischen Beiträge zur NATO. Ein Gesandter von Pete Hegseth habe Verbündeten in Brüssel bereits mitgeteilt, dass die USA künftig „erheblich weniger militärische Schlüsselfähigkeiten bereitstellen“ werden.
Betroffen sind laut Berichten insbesondere Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnen und Tankflugzeuge. Diese Entwicklung wird durch widersprüchliche Signale aus dem Weißen Haus verschärft. Während Donald Trump überraschend die Entsendung von 5.000 zusätzlichen Soldaten nach Polen ankündigte, hatten hochrangige Militärvertreter zuvor genau diese Maßnahme gestoppt. Vizepräsident JD Vance versuchte die Verwirrung später als bloße Verschiebung darzustellen.
Für Deutschland bedeutet dies eine doppelte Belastung: Einerseits muss die eigene Verteidigungsfähigkeit massiv ausgebaut werden, andererseits schwindet die Sicherheit durch die US-Präsenz. Der Abzug von 5.000 Soldaten aus Deutschland ist eine direkte Reaktion auf die mangelnde Kooperation der NATO-Partner bei der Sicherung der Straße von Hormus im Iran-Krieg.
Pistorius‘ Fokus auf Kanada ist daher nicht nur eine Jagd nach einem Milliardenauftrag für TKMS, sondern ein Versuch, alternative Sicherheitsarchitekturen innerhalb des Westens zu festigen, während die traditionelle Achse zwischen Berlin und Washington bröckelt.