Sam Altman, der Chef von OpenAI, besuchte im vergangenen Jahr fünfmal den deutschen Bundeskanzler oder dessen Minister. Damit traf sich kein anderer CEO eines außereuropäischen Tech-Unternehmens häufiger mit der Bundesregierung. Die Details dieser Gespräche bleiben jedoch unter Verschluss, während OpenAI gleichzeitig eine neue Gesellschaft für die industrielle KI-Implementierung gründete.
Die Zahlen sind eindeutig: Während andere Tech-Giganten nur sporadisch in den Berliner Regierungsvierteln auftauchten, etablierte Sam Altman eine bemerkenswerte Präsenz. Laut einer Antwort des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung auf eine Anfrage von Grünen-Politikern, die t-online exklusiv vorliegt, war Altman der am häufigsten vertretene außereuropäische Tech-CEO im letzten Jahr.
Zum Vergleich: Der CEO von Nvidia wurde zweimal empfangen – einmal vom Kanzler Friedrich Merz und einmal von Digitalminister Karsten Wildberger. Der Chef von Apple traf Merz lediglich ein einziges Mal. Andere Treffen mit Konzernchefs wurden in der Antwort auf die Anfrage nicht aufgeführt.
Fünf Termine: Die Timeline von Altmans Berlin-Offensive
Die Vernetzung mit der neuen Bundesregierung begann unmittelbar nach deren Vereidigung am 6. Mai 2025. In den folgenden Monaten folgte eine dichte Abfolge von Terminen, die eine gezielte Strategie vermuten lassen.

- 25. Juni: Erstes Treffen mit Digitalminister Karsten Wildberger (CDU).
- 24. September: Gespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
- 25. September: Ein Doppeltag mit zwei Terminen – erneut bei Digitalminister Wildberger sowie in einem separaten Gespräch mit Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).
- 22. Oktober: Letzter dokumentierter Besuch bei Digitalminister Wildberger.
Diese Frequenz ist ungewöhnlich. Dass ein einzelner CEO innerhalb eines Monats sowohl den Kanzler als auch zwei verschiedene Minister besucht, unterstreicht die Priorität, die die aktuelle Regierung der Zusammenarbeit mit OpenAI beizumessen scheint.
Geheimhaltung und die Forderung nach Transparenz
Während die Termine belegt sind, bleiben die Inhalte im Dunkeln. Die offiziellen Begründungen für die Treffen sind vage. Für das Gespräch mit Kanzler Merz wurde lediglich ein «Gespräch auf Anfrage des Unternehmens» vermerkt. Die Termine mit Finanzminister Klingbeil und Digitalminister Wildberger wurden als «Allgemeiner Austausch» oder «Austausch zu digitalpolitischen Themen» deklariert.

Diese Intransparenz stößt bei den Grünen auf Kritik, die eine stärkere digitale Souveränität und mehr Offenheit fordern. Die Reaktion aus den Ministerien ist jedoch kurz und abweisend.
Auch das Digitalministerium weigerte sich, Details zu nennen, und betonte, dass zu spezifischen Inhalten einzelner Gespräche «grundsätzlich keine Auskunft» gegeben werde. Für Beobachter bleibt die Frage, warum ausgerechnet OpenAI einen derart privilegierten Zugang erhält, während die inhaltlichen Ergebnisse dieser Gespräche der Öffentlichkeit vorenthalten werden.
Die OpenAI Deployment Company: Von der Theorie zur Industrie
Parallel zu den diplomatischen Bemühungen in Berlin verschiebt OpenAI seinen Fokus massiv in Richtung praktischer Anwendung. Wie das Unternehmen über LinkedIn bekannt gab, wurde die OpenAI Deployment Company ins Leben gerufen. Das Ziel ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Prozesse rund um die sogenannte Intelligenz neu zu denken.
Die neue Gesellschaft soll spezialisierte Ingenieure für die Implementierung von Frontier-KI direkt in Unternehmen integrieren, die komplexe Probleme in anspruchsvollen Umgebungen lösen müssen. Ein zentraler Baustein dieser Strategie ist die Übernahme von Tomoro, wodurch OpenAI etwa 150 erfahrene Forward Deployed Engineers und Deployment Specialists gewinnt.

Die Struktur der Deployment Company ist dabei hochgradig kapitalmarktorientiert. OpenAI hält zwar die Mehrheit und die Kontrolle, arbeitet aber in einer Partnerschaft mit 19 globalen Investmentfirmen, Beratungen und Systemintegratoren zusammen.
| Rolle | Beteiligte Partner / Investoren |
|---|---|
| Leitung & Co-Lead-Partner | TPG, Advent, Bain Capital, Brookfield |
| Gründende Partner | B Capital, BBVA, Emergence Capital, Goanna, Goldman Sachs, SoftBank Corp., Warburg Pincus LLC, WCAS |
| Weitere Investoren | Bain & Company, Capgemini, McKinsey & Company |
Dieser Zusammenschluss aus KI-Expertise und der Finanzkraft von Institutionen wie Goldman Sachs oder SoftBank signalisiert, dass OpenAI nicht mehr nur als Software-Anbieter auftritt, sondern als strategischer Architektur-Partner für die globale Wirtschaft.
Die Strategie hinter dem Zugang: AGI und globale Einflussnahme
Die Kombination aus engem Draht zur deutschen Regierungsspitze und dem Aufbau einer massiven Implementierungs-Maschinerie ist kein Zufall. Alles folgt der übergeordneten Mission von OpenAI, eine künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) zu entwickeln, die der gesamten Menschheit zugutekommt, wie das Unternehmen auf seinem Grant-Portal betont.

Um diese strategischen Initiativen und die Forschung zu fördern, vergibt OpenAI gezielt Grants in Form von monetärer Entschädigung oder API-Credits. Dies zeigt, dass das Unternehmen versucht, ein ganzes Ökosystem zu kontrollieren – von der wissenschaftlichen Grundlagenforschung über die politische Rahmensetzung bis hin zur industriellen Anwendung.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein Dilemma. Einerseits ist die Integration von KI-Systemen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie essenziell. Andererseits schafft die extreme Nähe eines einzelnen US-Unternehmens zur politischen Führung eine Abhängigkeit, die gerade im Kontext der geforderten digitalen Souveränität kritisch zu bewerten ist.
Wenn die Inhalte der Gespräche zwischen Altman und Merz tatsächlich «grundsätzlich vertraulich» bleiben, entzieht dies die KI-Strategie der Bundesregierung der demokratischen Kontrolle. In einer Zeit, in der die Deployment Company von OpenAI beginnt, KI-Ingenieure direkt in kritische Geschäftsprozesse einzubetten, wird die Frage nach der Transparenz dieser politischen Beziehungen zur zentralen Frage der digitalen Sicherheit.