Die britische National Crime Agency (NCA) und der National Police Chiefs‘ Council (NPCC) fordern eine Sperrung von Social-Media-, KI- und Gaming-Apps für unter 16-Jährige, sofern diese „Hochrisiko-Funktionen“ nicht deaktivieren. Die Polizeichefs reagierten damit auf eine Regierungskonsultation und kritisieren die zu langsame Reaktion der Tech-Industrie auf die Gefährdung von Kindern im Netz.
Die Forderung markiert eine Eskalation im Streit zwischen staatlichen Sicherheitsorganen und der Tech-Industrie. Während Plattformbetreiber versprechen, ihre Dienste sicherer zu machen, sehen die National Crime Agency (NCA) und der National Police Chiefs‘ Council (NPCC) die aktuelle Lage als untragbar an. Die Polizei fordert nun, dass der Zugang zu Apps konsequent blockiert wird, wenn diese keine wirksamen Schutzmaßnahmen gegen die Kontaktaufnahme durch Fremde oder die Verbreitung schädlicher Inhalte implementieren.
Das „Wilde Westen“-Szenario der Online-Sicherheit
Aus Sicht der britischen Polizeiführung ist die regulatorische Kontrolle über den digitalen Raum weit hinter der technologischen Entwicklung zurückgeblieben. Die Sicherheitsbehörden zeichnen das Bild einer Umgebung, in der Gesetze kaum noch greifen.
Die Online-Sphäre ist zu einer Art „wilden Westen“ geworden, in dem Recht und Regulierung nicht mit dem Tempo der Technologie Schritt halten konnten.
Gavin Stephens, Chief Constable und Vorsitzender des NPCC
Diese Analyse wird durch die Einschätzung von Graeme Biggar, dem Generaldirektor der NCA, gestützt. Biggar macht deutlich, dass die bisherigen Bemühungen der Industrie nicht ausreichen, um die Risiken für Minderjährige zu minimieren. Die Zeit der bloßen Appelle sei vorbei.
Unsere Einschätzung ist eindeutig: Die Online-Umgebung ist in ihrer derzeitigen Form nicht sicher für Kinder. Die Reaktion der Industrie war zu langsam, während das Problem immer schlimmer wurde. Genug ist genug.
Graeme Biggar, Generaldirektor der NCA
Die sechs Trigger für eine Plattform-Sperre
Um die Forderung nach einer Sperrung präzise zu fassen, haben die NCA und der NPCC sechs spezifische Funktionen identifiziert, die ihrer Ansicht nach einen „Schaden in großem Stil“ ermöglichen.

- Massenhafte Auffindbarkeit: Funktionen, die es ermöglichen, dass Kinder für Fremde leicht auffindbar sind.
- Unbeschränkter Kontakt: Die Möglichkeit für unbekannte Erwachsene, ungehindert Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
- Private Kommunikation: Private oder verschlüsselte Messaging-Dienste, die eine Überwachung erschweren.
- Schädliche Algorithmen: Empfehlungssysteme, die Nutzer aktiv zu schädlichen oder illegalen Inhalten leiten.
- Nacktbild-Sharing: Funktionen zum Teilen oder Streamen von Nacktaufnahmen.
- Schwache Altersprüfung: Unzureichende Kontrollen, die Kindern den Zugang zu Erwachsenenumgebungen ermöglichen.
Diese Liste verschiebt den Fokus von einer allgemeinen Kritik an sozialen Medien hin zu einer technischen Anforderungsliste. Es geht nicht mehr nur darum, ob ein Kind im Internet ist, sondern welche Werkzeuge die Plattform bereitstellt.
Die Rolle von Ofcom und der Online Safety Act
Viele der genannten Problemfelder werden bereits durch den Online Safety Act adressiert. Dieser gesetzliche Rahmen verpflichtet Plattformen zur Einhaltung bestimmter Sicherheitsstandards, wobei die Regulierungsbehörde Ofcom befugt ist, Verstöße zu untersuchen und Unternehmen mit hohen Geldstrafen zu belegen.
Die Polizei geht jedoch einen Schritt weiter. Sie fordert, dass die Regierung explizit gesetzlich festlegt, dass der Zugang für unter 16-Jährige zu jeder App untersagt wird, die „Hochrisiko-Funktionen“ anbietet. Zudem soll Ofcom weitreichendere Befugnisse erhalten, um die Altersrichtlinien der Plattformen effektiv durchzusetzen.
Ein besonders kritischer Punkt ist die technische Prävention. Die Sicherheitsbehörden drängen auf die Einführung von Sperren direkt auf Geräteebene. Ziel ist es, dass Personen unter 18 Jahren technisch daran gehindert werden, Nacktaufnahmen zu erstellen, zu teilen oder zu streamen.
Regierungsstrategie versus Polizeiforderungen
Die britische Regierung signalisiert zwar Härte, verfolgt aber derzeit einen breiteren Ansatz. In einer aktuellen Konsultation prüft sie verschiedene Optionen, die von Altersgrenzen und App-Sperrzeiten bis hin zu vollständigen Verboten reichen. Ein Regierungssprecher betonte, dass man weiter gehe
und Optionen wie Altersgrenzen und App-Sperrzeiten bis hin zu outright bans
prüfe.
Interessanterweise distanziert sich die Polizeiführung leicht von einem totalen Verbot. Graeme Biggar stellte klar, dass die Vorschläge der NCA und des NPCC nicht so weit gehen wie ein vollständiges Verbot für alle unter 16-Jährigen, wie es etwa in Australien diskutiert wird. Die Polizei möchte, dass Kinder sicher am digitalen Leben teilnehmen und davon profitieren können – allerdings nur auf Plattformen, die die oben genannten Risiken eliminieren.
Die britische Regierung hat zudem bekräftigt, dass sie mit Hochdruck daran arbeitet, es für Kinder im Vereinigten Königreich unmöglich zu machen, Nacktbilder aufzunehmen, zu teilen oder anzusehen. Damit stützt sie die Kernforderung der Polizei, die technische Architektur der Apps zur primären Verteidigungslinie zu machen.
Für die Tech-Konzerne bedeutet dies einen massiven Druck zur Umgestaltung ihrer Geschäftsmodelle. Die massenhafte Auffindbarkeit und die algorithmische Steuerung sind oft zentrale Treiber für das Nutzerwachstum und die Verweildauer. Eine gesetzliche Verpflichtung, diese Funktionen für eine gesamte Altersgruppe zu deaktivieren, könnte die Monetarisierung und die Nutzerakquise in einem der wichtigsten Märkte der Welt erheblich beeinträchtigen.