Bei gewaltsamen Schülerprotesten gegen den massiven Lehrermangel an französischen Schulen ist in Lens einem 15-Jährigen durch eine Polizeigranate die Hand abgerissen worden.
Die landesweiten Gymnasiastenproteste, die Mitte September an einer Pariser Vorstadtschule ihren Ausgang nahmen, haben sich zu einer tiefen Belastungsprobe für den französischen Staat ausgeweitet. Marode Gebäude, überfüllte Klassen sowie fehlende Lehrkräfte treiben die Jugendlichen um; die Wut ist besonders groß in sozial benachteiligten Orten, weil die Schulen dort besonders schlecht ausgestattet sind. Zahlreiche gewichtige Lehrergewerkschaften forderten im Netz ebenfalls zur Teilnahme an den Kundgebungen sowie stellenweise auch zum Ausstand auf.
Was mancherorts als friedliche Blockade von Bildungseinrichtungen begann, schlug in den vergangenen Wochen vielerorts in heftige Ausschreitungen um. Nach offiziellen Angaben des Bildungsministeriums blieben rund 400 bis 500 weiterführende Schulen ganz oder teilweise geschlossen, 24 davon wurden in Brand gesetzt oder verwüstet. Insgesamt gab es im Zuge der landesweiten Unruhen rund 5.000 Festnahmen, davon 85 Prozent Minderjährige. Gleichzeitig wurden landesweit hunderte Einsatzkräfte und Beschäftigte des Bildungsministeriums verletzt, darunter 78 Beschäftigte des Bildungsministeriums.
Schwere Verletzung bei Demonstration in Lens
Ein besonders drastischer Zwischenfall ereignete sich am Montag bei einer Kundgebung vor einer Schule in Lens im nordfranzösischen Département Pas-de-Calais. Dort hatten sich rund 200 bis 250 Schüler versammelt, um den Eingang zu blockieren. Nach Angaben der lokalen Präfektur bewarfen Beamte aus einer Gruppe von Schülern heraus Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Daraufhin rückte die Bereitschaftspolizei vor der Schule an und feuerte ein Geschoss auf eine Gruppe demonstrierender Schüler ab.
Dabei erlitt ein 15-jähriger Gymnasiast schwerste Verletzungen an einer Hand. Der Präfekt des Départements Pas-de-Calais, François-Xavier Lauch, sprach von einem sehr schwerwiegenden Vorfall.
„Ich stand neben dem Mitschüler, der verletzt wurde. Plötzlich traf etwas seine Hand und es explodierte. Ich habe gesehen, wie seine Hand explodierte.“
Schülerin aus Lens, via Ici Nord und Tagesspiegel
Über den genauen Hergang herrscht derweil Widerspruch. Gegenüber dem Sender Ici Nord äußerten Jugendliche vor Ort, sie hätten das Schulportal versperren wollen, als die Einsatzkräfte Tränengas und Granaten abfeuerten. Die Generalinspektion der Polizei ermittelt gegen die eingesetzte Bereitschaftspolizei. Nach Informationen eines französischen Senders handelte es sich um eine Blendgranate. Die französische Polizei darf diese zum Selbstschutz einsetzen, in vielen anderen EU-Ländern sind sie verboten.
Konfrontation und politische Instrumentalisierung in Paris
Die Menschenrechtsliga prangerte mit Blick auf den Einsatz der Sicherheitskräfte eine weitreichende Abkehr vom Rechtsstaat an. Auch große Bildungsgewerkschaften wie die CGT kritisierten die staatliche Repression scharf. „Die CGT wird da sein, um die Schülerinnen und Schüler zu schützen. Wir sind empört über die beispiellose Repression durch die Regierung, sagte die Gewerkschaftschefin Sophie Binet am Montag.
Die sozialistische Partei rief ebenfalls dazu auf, die Schülerproteste zu unterstützen.

Jean-Luc Mélenchon verurteilte zwar die Gewalt, rief gleichzeitig auf seinem Blog aber dazu auf, sich zu organisieren, um die Schülerproteste zu einem Ausgangspunkt für eine große Mobilisierung gegen die Regierung zu machen. Zum Gesicht der Bewegung ist indes der 18-jährige Aktivist Ryad Rani geworden, der eine Verbindung zu La France insoumise hat. Staatspräsident Emmanuel Macron hält sich derweil aus den schweren Ausschreitungen heraus und beließ es bisher bei einem müden Aufruf an alle, Ruhe zu bewahren.
Wirtschaftlicher Druck und enge Haushaltsgrenzen
Erschwert wird eine politische Lösung durch die angespannte Haushaltslage des Landes. Frankreich ist derzeit so stark verschuldet wie kaum ein anderes EU-Land. Gedrosselte Staatsausgaben sind der größte Brandbeschleuniger, nicht nur unter Schülern.
Zudem treibt die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit viele Jugendliche auf die Straße. Frankreichs Wirtschaftsleistung sank im ersten Quartal um 0,2 Prozent und stagnierte im zweiten Quartal, während das nationale Statistikamt Insee im September ein verschlechtertes Geschäftsklima vermeldete. Nach Angaben des Statistikinstituts Insee kletterte die Arbeitslosenquote unter den 15- bis 24-Jährigen zwischen dem zweiten Jahresviertel 2024 und demselben Zeitraum im laufenden Jahr von 18 auf 21,6 Prozent. Um auf die massiven Ausschreitungen zu reagieren, plant die Regierung ein Vorhaben, das den Senat im Oktober beschäftigen soll: Personen, die an gewalttätigen Menschenansammlungen teilnehmen, sollen an den Reparaturkosten beteiligt werden – auch dann, wenn sie nicht direkt für die Zerstörungen verantwortlich sind.
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