Die Wiener Staatsoper hat am 3. Oktober 2026 eine ungewöhnliche Doppelpremiere gezeigt. Regisseur Vasily Barkhatov verband Alexander Zemlinskys Eine florentinische Tragödie
und Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg
zu einer durchgehenden psychologischen Erzählung über eine einzige Paarbeziehung, musikalisch geleitet von Alain Altinoglu.
Eine ungewöhnliche Ehedrama-Kopplung an der Wiener Staatsoper
Einaktige Opern stehen Spielplanverantwortliche oft vor stilistischen Herausforderungen. An der Wiener Staatsoper wagte die Intendanz unter Bogdan Roščić zum Auftakt der Spielzeit 2026/27 einen gattungsübergreifenden Abend, der zwei Werke der klassischen Moderne als fortlaufende Geschichte inszeniert. Das Publikum erlebte am 3. Oktober 2026 eine Live-Übertragung der Premiere, die auch in 5.1-Surround-Sound ausgestrahlt wurde. Das Werk des Wiener Komponisten nach einer Dichtung von Oscar Wilde war 1917 in Stuttgart zur Uraufführung gekommen, während die Oper des ungarischen Tonsetzers im Jahr danach in Budapest uraufgeführt wurde und nach der Budapester Uraufführung 1918 erst 1985 in Wien angekommen war. Zemlinskys Werk war nach der Uraufführung und fünf kurz darauf folgenden Vorstellungen an der Wiener Oper lange Zeit verstummt, was mit der erzwungenen Emigration des Komponisten zusammenhing.
Im Mittelpunkt des Abends stehen die Sopranistin Asmik Grigorian und der Bariton Florian Boesch, unterstützt von Christopher Maltman und Dmitry Golovnin. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Alain Altinoglu am Pult des Staatsopernorchesters. Während Zemlinskys Werk nach einer Dichtung von Oscar Wilde in der deutschen Übersetzung von Max Meyerfeld im Jahr 1917 in Stuttgart uraufgeführt wurde, kam Bartóks einzige Oper 1918 in Budapest heraus und erreichte Wien erst in den 1980er Jahren. Für Regisseur Vasily Barkhatov bedeutete diese Neuproduktion die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Zum kreativen Team gehörten neben dem Regisseur auch Christian Schmidt für das Bühnenbild, Stefanie Seitz für die Kostüme, Alexander Sivaev für das Licht und Roland Horvath für das Video.
Vom Luxusmöbelhaus zum Ehedrama in der Florentinischen Tragödie
Die Inszenierung von Vasily Barkhatov verlegt das Geschehen aus der Renaissance in ein mondänes großbürgerliches Milieu. Die Bühne von Christian Schmidt zeigt ein elegantes Interieur. Bianca und Simone haben gemeinsam ein erfolgreiches Geschäft für Luxus-Innenausstattung aufgebaut, doch der Alltag hat ihre Beziehung erstarren lassen. Der Psychotherapeut zeigt sich an dem Fall besonders interessiert und willigt deshalb in einen Hausbesuch ein, wobei die Sitzung in seinem Möbelhaus stattfinden muss. In dieser von Konflikten geprägten Beziehung betrügt Bianca ihren Ehemann Simone mit einem Prinzen, während die Auseinandersetzung der beiden Männer sich zum Duell entwickelt und Bianca auf den Tod des verhassten Ehemanns hofft.

Um die Ehe zu retten, engagiert Bianca einen Therapeuten. Dieser schlägt ein Rollenspiel vor und nimmt dabei den Namen Guido Bardi an – den Namen von Biancas echtem Liebhaber. Simone geht widerwillig auf die Situation ein, bis Eifersucht und Dynamik des Spiels eskalieren. Der Therapeut schlägt vor, dass er freilich nach Oskar Wilde den Liebhaber-Prinzen aus dem alten Florenz spielt.
Das neue Rollenspiel führt direkt zu seinem Tod durch eine angespitzte Gardinenstange aus dem Einrichtungshaus des kraftvoll-kernig-dunklen Baritons Christopher Maltmann als Simone.
Ulrich Bahrke, Der Opernfreund
Christopher Maltman dominierte die Partie des Simone stimmlich wie darstellerisch, während Dmitry Golovnin als Guido Bardi agierte. Das Orchester unter Alain Altinoglu brachte die spätromantische Opulenz von Zemlinskys Partitur voll zur Geltung. Nach dem tödlichen Beziehungsstreit bleibt die Leiche des Therapeuten im Ehebett zurück. Durch den Mord gewinnt Simone den Respekt seiner Frau zurück, wodurch das Verbrechen einen neuen Liebesbeginn für das Paar signalisiert. Das von Bianca und Simone aufgebaute Paar-Glück gründet somit auf dem Tod einer dritten Person, die einfach unter das Bett geschoben wird.

Das Öffnen der sieben Türen in Herzog Blaubarts Burg
Nach der Pause setzt der zweite Teil des Abends mit Béla Bartóks Werk an, während der Tote weiterhin unter dem Bett liegt. Musikalisch wechselt die Sprache zu Ungarisch, und der Orchesterklang wird kantiger, spröder und expressionistischer. Asmik Grigorian übernimmt hier erneut die weibliche Hauptrolle als Judith an der Seite von Florian Boesch als Herzog Blaubart. Bartóks Werk, verfasst nach einem Libretto von Béla Balázs, zählt als symbolistische Deutung des alten Blaubart-Märchens zum Kanon des 20. Jahrhunderts. Das Werk entstand zwar schon 1911, galt zuerst jedoch als unaufführbar und erfuhr vor seiner Weltpremiere mehrere Überarbeitungen.
Das Regiekonzept interpretiert die symbolischen sieben Türen des Schlosses als Aufarbeitung gemeinsamer Traumata und verdrängter Verletzungen. In einer Szene steigen die Figuren in ein Kinderzimmer empor, das seit dem Tod eines gemeinsamen Kindes unberührt blieb. Kritiker hoben besonders die schauspielerische und sängerische Intensität dieses Momentes hervor. Die Handlung beider Werke weist trotz unterschiedlicher Handlungen ein verbindendes Element auf: das fortschreitende Erkennen des Wesens des Gegenübers. Judith gewinnt Erkenntnis über den geliebten Blaubart durch das Öffnen von sieben Türen, die die Geheimnisse des Herzogs preisgeben.
Florian Boesch, der die Partie im Sommer 2025 beim Tyriolischen Festival Erl debütiert hatte, gestaltete den Blaubart mit markantem Bariton und nuancierter Textgestaltung. Die Süddeutsche Zeitung beschrieb seinen Blaubart als jemanden, der kein Diktator ist, und hob seinen raumfüllenden Bassbariton sowie Gesangslinien von zeitweise bewegender Zärtlichkeit hervor. Am Ende bleibt Blaubart nach Judiths Gang durch die Türen in dunkler Einsamkeit zurück, während die Inszenierung das Paar dennoch in einer Form der Selbstreflexion verbindet.
Musikalische Höhepunkte und der Zuspruch des Publikums
Nach anfänglichem leisen Missfallen für das Regieteam schloss der Abend mit jubelndem Beifall und zahlreichen Aufrufen für die Mitwirkenden. Kritiker wie Walter Weidringer loten die musikalische Geschlossenheit aus, während Dirigent Alain Altinoglu vom Staatsopernorchester präzise Details und große Bögen einforderte. Die Produktion zeigt, dass die Verbindung zweier ungleicher Einakter der klassischen Moderne durch eine durchgehende Personenregie und sängerische Spitzenleistungen auf den Bühnen der Gegenwart funktionieren kann.
Zusätzlich bot die Wiener Staatsoper am Vormittag der Premiere ein Zemlinsky-Symposium an, bei dem Hintergründe zur Rezeptionsgeschichte vermittelt wurden. Die Arbeitsbeziehung zwischen Asmik Grigorian und dem Regieteam sowie den Beteiligten wurde als tadellos beschrieben, während der Abend insgesamt musikalische Stärke und intensive darstellerische Leistungen demonstrierte.