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Gesundheit

WHO legt ersten Bericht zu Ungleichheiten bei Volkskrankheiten vor

Die Weltgesundheitsorganisation hat den ersten globalen Bericht zur systematischen Erfassung von Ungleichheiten bei nicht übertragbaren Krankheiten und deren Risikofaktoren vorgelegt. Die Auswertung zeigt erhebliche gesundheitliche Gefälle nach Einkommen, Bildung und Wohnort.

Nicht übertragbare Krankheiten fordern weltweit einen enormen Blutzoll. Allein im Jahr 2021 kosteten sie schätzungsweise 43 Millionen Menschen das Leben, was rund 75 Prozent aller nicht-pandemiebedingten Todesfälle ausmacht. Statistisch gesehen stirbt alle zwei Sekunden ein Mensch unter 70 Jahren an einer solchen Erkrankung.

Globaler Bericht der WHO misst erstmals gesundheitliche Ungleichheiten

Zudem beleuchtet das Dokument zentrale Risikofaktoren wie Tabak- und Alkoholkonsum, Adipositas, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Luftverschmutzung.

Wir wissen, dass Ungleichheiten in allen Bereichen der Gesundheit verankert sind, aber dies ist der erste Versuch, Ungleichheiten bei nichtübertragbaren Krankheiten und deren Risikofaktoren auf globaler Ebene systematisch zu messen.

Dr. Ahmad Reza Hosseinpoor, Leiter des Teams für die Überwachung von Gesundheitsungleichheiten bei der WHO

Ergänzend zu dem Hauptdokument hat die Organisation einen begleitenden Advocacy-Bericht mit dem Titel The hidden inequalities behind noncommunicable diseases: from evidence to action herausgegeben. Dieser Leitfaden zeigt auf, wie Staaten Ungleichheitsdaten nutzen können, um die Prävention und Kontrolle von Volkskrankheiten gezielt zu verbessern.

Einfluss von Bildung, Einkommen und Wohnort auf das Krankheitsrisiko

Die Auswertung stützt sich auf nationale Daten aus dem vergangenen Jahrzehnt und belegt, dass Faktoren wie Einkommen, Bildungsgrad und geografische Lage das Risiko für nicht übertragbare Krankheiten maßgeblich beeinflussen. In Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen weisen weniger gebildete Bevölkerungsschichten häufiger höhere Raten an Bluthochdruck und Diabetes auf. Auch beim Screening auf Gebärmutterhalskrebs zeigen sich deutliche Diskrepanzen: Ärmere und weniger gebildete Frauen nehmen diese Vorsageuntersuchungen seltener in Anspruch.

WHO legt ersten Bericht zu Ungleichheiten bei Volkskrankheiten vor

Auch der Wohnort spielt eine entscheidende Rolle. Ländliche Regionen in vielen Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen verfügen über einen deutlich schlechteren Zugang zu Bluthochdruckdiagnostik und Krebsvorsorge als städtische Gebiete. Gleichzeitig sind ländliche Haushalte oft stärker Schadstoffen in der Raumluft ausgesetzt, während Stadtbewohner vermehrt unter Außenluftverschmutzung leiden.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Risikofaktoren und Diagnostik

Das Risikoprofil variiert stark nach Geschlecht und Alter. Männer greifen statistisch gesehen häufiger zu Tabak und Alkohol und erhalten seltener eine rechtzeitige Diagnose oder Behandlung bei Bluthochdruck. Frauen hingegen bewegen sich im Schnitt zu wenig; Adipositas tritt bei ihnen vermehrt auf, besonders in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Daten zur Ungleichheit dienen nicht nur der Dokumentation von Unterschieden – sie sind ein Instrument zum Handeln.

Dr. Alain Labrique, Direktor der Abteilung für Daten, digitale Gesundheit, Analytik und KI bei der WHO

Zusätzliche Hürden entstehen durch Arbeitslosigkeit, Behinderungen oder Migrationsstatus. Arbeitslose Menschen neigen eher zu Bewegungsmangel, während Menschen mit Behinderungen oft auf physische und administrative Barrieren bei der Prävention und Behandlung stoßen. Migranten wiederum kämpfen häufig mit finanziellen, sprachlichen oder verwaltungstechnischen Hürden im Gesundheitssystem.

Strategische Neuausrichtung und politische Ziele in Afrika

In der WHO-Region Afrika entwickeln sich nicht übertragbare Krankheiten zunehmend zur Haupttodesursache. Sie belasten die dortigen Gesundheitssysteme massiv und verstärken Armut sowie soziale Ungleichheit. Nach einer strategischen Reorganisierung des WHO-Regionalbüros für Afrika umfasst das dortige Programm inzwischen auch die Bereiche Gewalt- und Verletzungsprävention, Behinderungen sowie Risikofaktoren.

Auf der 80. Sitzung der UN-Generalversammlung sprachen sich die Staats- und Regierungschefs für die vierte globale politische Erklärung zu nicht übertragbaren Krankheiten und psychischer Gesundheit aus. Die WHO Region Afrika treibt diese Umsetzung durch integrierte Initiativen wie das WHO PEN Programm voran, um die Kapazitäten an vorderster Front zu stärken.

Sie helfen Ländern dabei, politische Maßnahmen und Programme besser anzupassen, Lücken in der Versorgung zu erkennen und zu verfolgen, ob Fortschritte alle Bevölkerungsgruppen erreichen.

Dr. Alain Labrique, Direktor der Abteilung für Daten, digitale Gesundheit, Analytik und KI bei der WHO

Die Bemühungen zielen darauf ab, das globale Nachhaltigkeitsziel SDG 3.4 zu erreichen: Bis 2030 soll die vorzeitige Sterblichkeit durch nicht übertragbare Krankheiten um ein Drittel gesenkt werden. Dafür setzt die Organisation auf Investitionen in sogenannte Best-Buys-Maßnahmen sowie auf sektorübergreifende Kooperationen von Finanz-, Bildungs- und Gesundheitsministerien.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.