Am 14. Oktober 2026 ist im Theater der Jugend in Wien die Uraufführung von Alle Kinder nach Kinderstadt
über die Bühne gegangen. Das von Simon Windisch inszenierte Stück basiert auf dem gleichnamigen, vor mehr als 50 Jahren erschienenen Roman der heute 88-jährigen Autorin Renate Welsh und greift aktuelle Fragen gesellschaftlicher Abschottung auf.
Eine dystopische Vision von Renate Welsh und das Regiedebüt von Aslı Kışlal
Das Theater der Jugend hat die Spielzeit unter der neuen künstlerischen Leitung von Aslı Kışlal mit einem starken, politischen Stoff eröffnet. Als literarische Vorlage für das für Zuschauer ab sechs Jahren empfohlene Werk diente das wenig bekannte Buch von Renate Welsh aus dem Jahr 1974. Die Autorin selbst verfolgte die Premiere im Theaterraum in der Neubaugasse in Wien, wo das Stück vom Publikum mit viel Applaus und Bravos bedacht wurde.
In der Inszenierung von Simon Windisch, der zum Team des TaO! (Theater am Ortweinplatz) in Graz gehört und dort zahlreiche Projekte für und mit jungen Menschen inszenierte, entfaltet sich eine humorvolle und actionreiche Parabel mit deutlichen Parallelen zu totalitären Systemen. Ein Stadtrat will die Menschheit befrieden und ordnet an, die Bewohnerinnen und Bewohner in homogenen Gruppen in eigenen Kleinstädten zu separieren – getrennt durch schalldichte Mauern und luftdichte Kuppeln. So gibt es neben der Kinderstadt auch eine Stadt für die Alten, eine für Fußballer, eine für Tennisspieler, eine für Menschen, die den ganzen Tag nur laute Musik hören wollen, sowie eine Stadt für Lehrerinnen und Lehrer, in der sie endlich nicht mehr von nervigen Schulkindern beim Unterrichten gestört werden.

Eva, ihr Großvater und die Flucht aus der Kinderstadt
Sie ist unglücklich darüber, dass sie ihren Opa und besten Freund (Frank Engelhardt) nicht nach Kinderstadt mitnehmen kann, da dieser nach Alten-Stadt ziehen muss. Die Versuche der beiden, sich gemeinsam in die jeweils andere Stadt einzuschleusen, scheitern an den rigiden Vorgaben der Homogenität: Weder kann Eva das nostalgische Erinnern an die gute alte Zeit nachahmen noch der Opa die Abneigung gegen das Lernen imitieren, weshalb die beiden getrennt werden und Eva in die Kinderstadt ziehen muss.
Dort ist aus der einst belebten Stadt ein öder, hell ummauerter Platz geworden, auf dem alles automatisch funktioniert, selbst die Ausgabe der Knödel. Zunächst scheinen die Kinder alle Freiheit zu haben und das Leben ohne die Erwachsenen zu genießen, doch bald kommt Langeweile auf. Einzig Eva leistet Widerstand, bemerkt, dass sie eingesperrt sind, und versucht heimlich Kontakt zu ihrem Großvater aufzunehmen, als sich ein Spalt zum Lüften öffnet. Mit ihrem sechsten Sinn erkundet sie die anderen Städte und erkennt, dass das Projekt gescheitert ist, woraufhin Manfred sie verhaften lässt. Am Ende gelingt es ihr jedoch, die anderen Kinder zur Flucht zu überreden: Sie graben einen Tunnel, und während die anderen – darunter auch Evas Opa – in eigenen Blasen gefangen sind, zieht Eva mit den anderen Kindern durch bunte Nylonrohre als Fluchttunnel durch den gesamten Theaterraum, um die Blasen aufzubrechen.
Bühnenbild und künstlerische Umsetzung im Theater der Jugend
Bühnenbildnerin Rosa Wallbrecher schuf für das im Theater der Jugend in Wien aufgeführte Stück flexible Raumlösungen. Die zunächst trubelige Stadt entsteht mittels beweglicher Schiebewände in immer neuen Konstellationen, während überlebensgroße Körperteile über die Bühne wanken und sich die Tunnel der flüchtenden Kinder als Plastikröhren durch den ganzen Theaterraum ziehen.
Musikalisch begleitet wird die Aufführung von Aras Levni Seyhan, die Kostüme entwarf Karoline Bierner. Zum Darstellerensemble gehören neben Wojtkowiak, Engelhardt und Nowak auch Barča Baxant als Evas sechster Sinn, Stefan Rosenthal als Alexander und Kira Napadovskyy als Andrea. Das Stück ist in der Neubaugasse 38 im 1070.
