Die offizielle Auswanderung aus Ungarn erreichte im Jahr 2023 den höchsten Stand seit 2010, angetrieben durch eine Politik, die vielen Bürgern unter Ministerpräsident Viktor Orbán keine Perspektive mehr bot. Während die Grenzen zur Europäischen Union nach wie vor offen stehen, blicken Ausgewanderte und die ungarische Minderheit im Ausland auf einen politischen Neuanfang im Jahr 2026.
Rekordzahlen bei der Auswanderung unter Viktor Orbán
Als die Mutter der Journalistin Mari Lang in den späten 1970er-Jahren einen Österreicher kennenlernte, trennten Budapest und Wien nicht nur 250 Kilometer, sondern zwei vollkommen unterschiedliche Welten. Ein Umzug in den Westen bedeutete damals das Verlassen der Heimat und den Verzicht auf die ungarische Staatsbürgerschaft. Heute sind die Grenzen längst offen, doch die Motive für das Verlassen des Landes haben sich gewandelt. Viele Bürger kehrten Ungarn in den vergangenen Jahren den Rücken, weil sie unter Viktor Orbán keine Zukunft mehr sahen. Im Jahr 2023 verzeichnete die offiziell registrierte Auswanderung mit 33.700 Personen einen traurigen Höchststand seit 2010.
Historische Wanderungsbewegungen und das Leben im Ausland
Die Familiengeschichte von Mari Lang spiegelt ein Jahrhundert mitteleuropäischer Geschichte wider, das von Grenzverschiebungen und politischen Umbrüchen geprägt ist. Ihre Urgroßmutter kam 1910 in Gernyeszeg, einem kleinen Ort in Siebenbürgen im heutigen Rumänien, zur Welt und zog in den 1940er-Jahren nach Budapest, da Nordsiebenbürgen damals kurzzeitig wieder zu Ungarn gehörte. Damals suchte sie in der Hauptstadt nach Arbeit und einem besseren Auskommen. Fast hundert Jahre später zieht es Ungarinnen und Ungarn dorthin, wo sie sich bessere Chancen versprechen, allerdings in einem weitaus größeren Radius.
Seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 sind Metropolen wie Wien, München oder London ohne die Barrieren des Eisernen Vorhangs erreichbar. Viele Arbeitskräfte pendeln zwischen zwei Ländern oder bauen sich im Ausland eine Existenz auf. Gleichzeitig hat Viktor Orbán die etwa eine Million Angehörigen der ungarischen Minderheit in Rumänien durch gezielte Staatsbürgerschaften, Förderungen und eine Politik der nationalen Zusammengehörigkeit eng an den ungarischen Staat gebunden. Dennoch ziehen es viele Verwandte vor, trotz zweier Pässe im Alltag in ihrer angestammten Heimat zu bleiben, anstatt ins Mutterland umzusiedeln.
Fragen nach Rückkehr und Vertrauen nach dem politischen Umbruch
Die Spurensuche führt zu Menschen, die das Land verlassen mussten, weil der Spielraum für Journalistinnen, Journalisten und Wissenschaftler im illiberalen Ungarn zunehmend eingeengt wurde. Nach den politischen Veränderungen des Jahres 2026 stellt sich für viele dieser Ausgewanderten die Frage einer möglichen Rückkehr. Der neue Premierminister Péter Magyar sorgt dabei für neue Hoffnung. Dennoch ist fraglich, ob ein Regierungswechsel ausreicht, um das in den vergangenen Jahren verlorene Vertrauen der Bürger dauerhaft zurückzugewinnen und aus der reinen Auswanderung wieder eine reale Einwanderung zu machen.
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