Trotz schneller Transporte in Schweizer Tierkliniken starben auf einem Hof in Cortébert im Berner Jura 14 Pferde und Fohlen an einer Vergiftung durch Bergahornsamen. Die Tiere hatten die geflügelten Samen des Bergahorns gefressen, die durch starke Winde auf die Weiden geweht worden waren, wie 20min berichtete.
Tote Pferde in Cortébert und der Region
Die betroffene Familie hielt 36 Pferde und Fohlen auf einer Weide. Dort nahmen die Tiere die giftigen Samen auf.
Als erste Vergiftungszeichen auftraten, organisierte die Familie umgehend den Transport in verschiedene Schweizer Tierkliniken. 14 Tiere starben. Weitere Pferde mussten in Kliniken behandelt werden.
Züchter Mario Gandolfo aus Fregiécourt JU nannte gegenüber SRF Gesamtzahlen für die Region.
Im Kanton Jura und im Berner Jura wurden 26 tote Pferde gezählt. 14 weitere wurden in Kliniken versorgt.
Die Erkrankung ist als atypische Myopathie oder Weidemyopathie bekannt. Ausgelöst wird sie durch das in den Ahornsamen enthaltene Toxin Hypoglycin A.
Dieses Toxin schädigt die Muskelzellen von Equiden schwer.
Rund drei Viertel der Fälle treten im Herbst auf. Dies erklärte Lucia Unger, Dozentin für Innere Medizin an der Pferdeklinik der Universität Bern, gegenüber 20 Minuten.
Wegen anhaltender Trockenheit und Futtermangels waren die Herden in diesem Herbst länger auf den Weiden geblieben. Heftige Winde verteilten die Samen weit, wie unter anderem SRF und Nau berichteten.

Pferdebesitzerin und Springreiterin Audrey Steulet-Geiser erlebte die Tage als Ausnahmezustand.
Von Montag bis Mittwoch sprach sie von einem Albtraum. Die Familie fand kaum noch Schlaf.
Neben der Sorge um die Tiere nahm auch die Angst vor horrenden Rechnungen aus den Tierkliniken stark zu.
Fünf Pferde befanden sich zeitweise noch in Behandlung. Unklar blieb, ob diese Tiere überleben würden.
Die Familie machte sich vor allem auch um die trächtigen Stuten grosse Sorgen. Diese waren ebenfalls mit den Giftstoffen in Berührung gekommen.
Zurückgekehrte Pferde mussten vorerst in ihren Boxen bleiben. Sie durften die Weiden keinesfalls betreten.
Den Tieren fehlte jegliche Energie und es bestand die Gefahr einer Unterkühlung. Daher trugen sie nach Angaben der Züchterin spezielle Wärmedecken.
Der Tierarzt Stéphane Montavon erläuterte im Westschweizer Fernsehen RTS, dass der Ausbruch innerhalb von zwölf bis vierundzwanzig Stunden einsetze und eine sehr kurze Inkubationszeit aufweise.
Als erstes markantes Anzeichen zeige sich tiefdunkler Urin, der die Farbe von Tee oder Cola annehme.

Danach folgen allgemeine Muskelschwäche, deutliche Steifheit im Gang sowie starkes Zittern der Tiere.
Die Pferde geraten schliesslich in einen Zustand der Verzweiflung. Dies ist verbunden mit beschleunigter Herztätigkeit und Atemnot, bevor sie sich auf die Flanke legen.
Bei dieser Weidemyopathie liegt die Sterblichkeitsrate zwischen 75 und 90 Prozent.
Auch Mario Gandolfo bestätigte die verheerende Dimension des Ausbruchs. Dieser habe alle bisherigen Rekorde aus den Jahren 2017 und 2022 weit übertroffen.
Spenden für betroffene Züchter in Cortébert
Angesichts der massiven Welle von Vergiftungsfällen riefen Züchter dazu auf, Pferde umgehend von den Weiden zu holen und in die Ställe zu bringen.
Züchterin Audrey Steulet-Geiser beschrieb die Lage in den Tagen des Ausbruchs als Albtraum
und emotionalen Horror
, wie 20min und T-Online schilderten.
Mario Gandolfo gründete gemeinsam mit anderen Züchtern eine WhatsApp-Gruppe. Damit wollten sie sämtliche Krankheits- und Todesfälle systematisch erfassen und Tierhalter schnellstmöglich vor den Gefahren warnen.
Mittlerweile haben sich mehr als 300 Personen in diesem Netzwerk registriert. Darunter sind etwa 30 bis 40 Halter mit akut kranken oder verendeten Tieren.

Neben aktuellen Verlusten meldeten sich in der Gruppe auch Betroffene aus früheren Jahren, um ihre Erfahrungen zu teilen.
Die wirtschaftlichen Folgen belasten die betroffenen Betriebe schwer.
Da es sich um eine nicht ansteckende Vergiftung und nicht um eine anzeigepflichtige Tierseuche handelt, übernehmen die kantonalen Tierseuchenkassen die Kosten nicht.
Um die Familie in Cortébert BE bei der Bewältigung der Tierarztkosten im sechsstelligen Bereich zu unterstützen, wurde eine Spendenaktion auf GoFundMe ins Leben gerufen, die über 63’735 Schweizer Franken einbrachte, wie 20min berichtete.
Die Initiatorin des Spendenaufrufs, eine gute Freundin der Familie, wollte den Betrieb angesichts des immensen Schadens an den Pferden finanziell entlasten.
Allein der Gesamtwert der verendeten Zuchttiere wird auf mehrere Zehntausend Franken geschätzt. Die anfallenden Klinikkosten können die Summe von 100’000 Franken übersteigen.
Kleine Fohlen verloren ihr Leben oder ihre Mama – jetzt kämpfen die Überlebenden!
GoFundMe-Spendenaufruf, zitiert bei T-Online
Die Familie zeigte sich völlig überwältigt von der Welle der Solidarität und der grossen Anteilnahme aus der gesamten Schweiz.
Audrey Steulet-Geiser bedankte sich öffentlich für die Unterstützung, die helfe, das Überleben der verbliebenen Tiere zu sichern.
Experten weisen unterdessen darauf hin, ob die massenhaften Ahornsamen im Herbst auch für das kommende Frühjahr ein hohes Risiko darstellen, wenn die giftigen Keimlinge aus dem Boden spriessen.