Ein am 19. Oktober 2026 veröffentlichtes KI-Modell bestimmt anhand eines einzigen Gesichtsotos das biologische Alter und prognostiziert Überlebenschancen von Krebspatienten. Die vom Mass General Brigham entwickelte Technologie soll Ärzte bei personalisierten Behandlungen unterstützen, ist jedoch laut Experten noch nicht für den klinischen Alltag bereit.
In einer Testgruppe von 3.820 Krebspatienten verstarben mehr als Hälfte der Personen mit den höchsten Risikowerten – konkret 64 von 122 – innerhalb von nur 90 Tagen nach der Aufnahme des Fotos gemäß den Angaben aus der Forschung. Forscher am Mass General Brigham, einem gemeinnützigen und integrierten Gesundheitssystem in den USA, haben ein auf Foundation-Modellen basierendes System entwickelt, das aus einem gewöhnlichen Foto das biologische Alter schätzt und die Überlebenschancen direkt prognostiziert. Die Details der im Fachjournal Lancet Digital Health erschienenen Studie wurden am 19. Oktober 2026 vorgestellt. An der Untersuchung waren zahlreiche Wissenschaftler beteiligt, darunter Fridolin Haugg, Grace Lee, John He, Leonard Nürnberg, Dennis Bontempi, Danielle S. Bitterman, Vasco Prudente, Dmitrii Glubokov, Andrew Warrington, Suraj Pai, Christian Guthier, Benjamin H. Kann, Vadim N. Gladyshev sowie die Co-Seniores beziehungsweise Mitwirkenden Paul Catalano und Dirk De Ruysscher.
Zwei Programme für Alter und Überleben
Das zugrundeliegende System, dessen Name für Foundation Artificial Intelligence for Health Recognition steht, wurde mit mehr als 40 Millionen Gesichtsablichtungen von Menschen unterschiedlicher Altersstufen und ethnischen Hintergründen sowie mit Aufnahmen von über 30.000 Krebspatienten trainiert, von denen viele bereits verstorben waren (The Guardian). Daraus leiteten die Wissenschaftler zwei miteinander verknüpfte Programme ab: FAHR-FaceAge schätzt das biologische Alter, während FAHR-FaceSurvival die Überlebenswahrscheinlichkeit von Krebspatienten direkt aus dem Porträt berechnet (Bioengineer).
Die Algorithmen konzentrieren sich dabei auf unterschiedliche Partien des menschlichen Gesichts. Während FAHR-FaceAge vor allem Nasolabialfalten, die Stirn über den Augenhöhlen und die Schläfen untersucht, legt FAHR-FaceSurvival den Schwerpunkt auf den Bereich unter den Augen sowie die Nasenwurzel (Bioengineer). Das System liefert den Patienten Risikowerte.

Validierung mit tausenden Patienten
Die Forscher überprüften die Schätzungen anhand realer Patientendaten von fast 6.200 Krebspatienten aus Institutionen in den Niederlanden und den USA (Aol) sowie an Testgruppen von über 38.000 Patienten (Scientific American). Das Modell erwies sich dabei über verschiedene Altersstufen, Ethnien, Geschlechter und Krebsarten hinweg als funktionstüchtig.
Hugo Aerts erklärte: „Nach unserem Kenntnisstand ist dies der erste Nachweis, dass ein KI-Modell das Überleben bei Krebs direkt anhand eines einfachen Fotos vorhersagen kann.
Unter Krebspatienten, die in den USA eine Strahlentherapie erhielten, hatten Personen, die laut FAHR-FaceAge mindestens fünf Jahre älter aussahen als ihr tatsächliches Alter, ein um 21 Prozent höheres Sterberisiko während der durchschnittlichen Beobachtungszeit von vier Jahren (Ua).
Kritik und offene Fragen
Raymond Mak, Strahlentherapeuten-Onkologe am Mass General Brigham Cancer Institute, betonte, dass Ärzte zwar gelernt hätten, Patienten nach ihrem Aussehen zu beurteilen, in der Vorhersage der verbleibenden Lebenszeit jedoch meist ungenau seien (The Straits Times). Das Ziel sei nicht, das ärztliche Urteil zu ersetzen, sondern eine quantifizierbare Entscheidungshilfe zu bieten (Yahoo).
Miroslaw Bober, Professor für Bildverarbeitung und maschinelles Lernen an der University of Surrey, der nicht an der Studie beteiligt war, wies darauf hin, dass das Werkzeug noch nicht klinisch einsetzbar ist (The Straits Times). Das Modell habe nicht nachgewiesen, dass es über den allgemeinen Gesundheitszustand hinausgehende, klinisch nützliche Zusatzinformationen liefert, die nicht ohnehin durch Ärzte erfassbar wären (The Straits Times). Zudem müsse die Technologie gegen das ärztliche Urteil sowie an unterschiedlichen Krankenhäusern und Patientengruppen getestet werden.
Wer seine eigene Gesichtsalterung ermitteln möchte, kann sich über die entsprechende Plattform der Institution an der Untersuchung beteiligen. Für konkrete gesundheitliche Entscheidungen oder bei medizinischen Fragen wird stets empfohlen, qualifizierte Ärzte und Fachleute zu konsultieren.
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