Österreichische und internationale Kulturinstitutionen würdigen die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek anlässlich ihres 80. Geburtstags am 20. Oktober 2026 mit einem weltweiten Programm aus Lesungen, Theatermarathons und Dokumentarfilmen. Die Autorin selbst nimmt traditionell nicht an den Feierlichkeiten teil und lässt stattdessen per Post und Video ihre Worte sprechen.
Das Kulturjahr 2026 steht ganz im Zeichen von Elfriede Jelinek. Zum 80. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin am 20. Oktober haben Universitäten, Rundfunkanstalten und Theater ein umfassendes Jubiläumsprogramm gestartet. Während in Wien, Paris, New York und weiteren Metropolen Veranstaltungen stattfinden, bleibt die Literaturnobelpreisträgerin wie gewohnt im privaten Kreis.
Schon zur Verleihung des Nobelpreises im Jahr 2004 flog sie nicht nach Stockholm, und auch zu ihren aktuellen Geburtstagsfeiern schickt sie Texte per Post und vorab aufgenommene Videos an die Veranstalter. Das Schaffen der in Mürzzuschlag in der Steiermark geborenen Dramatikerin und Romanautorin wurde im Laufe der Jahrzehnte mit zahlreichen renommierten Auszeichnungen wie dem Georg-Büchner-Preis, dem Mülheimer Dramatikerpreis, dem Else Lasker-Schüler-Dramatikerpreis, dem Franz Kafka-Preis, dem Stig-Dagerman-Preis sowie dem Bremer Literaturpreis gewürdigt.
Weltweite Würdigungen vom Burgtheater bis nach São Paulo
Die internationale Resonanz zeigt die anhaltende Wirkmächtigkeit von Jelineks Werk. Das Interuniversitäre Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek (IFJ) und das Elfriede Jelinek Forschungszentrum organisieren eine weltweite Tournee, die das Schaffen der Autorin seit dem Frühling an Universitäten und Kulturzentren bringt, wie der Standard berichtet.

Rundfunkschwerpunkte und Fernsehdokumentationen in Österreich
Der Österreichische Rundfunk (ORF) begleitet den runden Geburtstag mit einem mehrtägigen Programmschwerpunkt, in dessen Rahmen sowohl ORF 2, ORF III als auch Ö1 thematisch auf das Werk und Leben der österreichischen Schriftstellerin aufmerksam machen und die Sendungen auf den Plattformen ORF ON und ORF Sound on demand abrufbar bereitstellen.
Den Auftakt macht im Fernsehen am 18. Oktober ein „dokFilm“ in ORF 2 mit dem Titel Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen
. Die 2023 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Regiearbeit von Claudia Müller beleuchtet Jelineks kreativen Umgang mit der Sprache als Werkzeug zur Kritik und Selbstbehauptung; dabei geben erstmals veröffentlichtes Film- und Tonmaterial, bis dahin unbekannte Interviewpassagen sowie neu eingesprochene Off-Texte Einblick in das Denken, das Werk und die Persönlichkeit der Künstlerin. Vorab thematisiert bereits am 20. Oktober um 19:40 Uhr eine Ausgabe des ORF-III-Magazins „Kultur Heute“ den Geburtstag der Autorin, während eine Wiederholung des Dokumentarfilms am 18. Oktober um 11:20 Uhr in 3sat sowie am Dienstag, dem 20. Oktober, um 23:35 Uhr in ORF III zu sehen ist.
Im Anschluss an die Dokumentation in ORF 2 steht am 18. Oktober um 0:00 Uhr die preisgekrönte, ORF-kofinanzierte Verfilmung von Jelineks Roman Die Klavierspielerin
aus dem Jahr 2001 unter der Regie von Michael Haneke auf dem Programm, die eine Wiederholung am Montag, dem 19. Oktober, um 0:04 Uhr erfährt.

Auch das Radioprogramm Ö1 widmet der Autorin einen inhaltlichen Schwerpunkt, den am Samstag, dem 17. Oktober, um 17:05 Uhr eine Ausgabe von „Diagonal“ eröffnet. Die Sendung hinterfragt, ob die Schriftstellerin im Wiener Alltag noch immer eine Erscheinung ist, und blickt auf zentrale Motive ihres Werks wie Gespenster, Untote sowie eine österreichische Vergangenheit, die nicht zur Ruhe kommt und bei der die Toten als Untote und Sinnbild einer Vergangenheit zurückkehren, aus der immer die Hand aus dem Grabe wächst. Zudem beleuchtet die Ausgabe Jelineks wortgewaltige Theatertexte, in denen die Sprache selbst die Hauptrolle spielt.
Die „Blaue Stunde“ am Montag, dem 19. Oktober, bringt Gedichtlesungen der Burgschauspielerin Sylvie Rohrer, während eine Bühnenadaption des Stücks im September am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde.

Das „Ö1 Hörspiel“ bringt am Samstag, dem 24. Oktober, um 14:00 Uhr „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“ nach Jelineks 1985 erschienenem Roman als Hörstück mit Musik von Franz Schubert, gestaltet von Otto Brusatti und mit Sprecherinnen und Sprechern wie unter anderem Elisabeth Orth, Sylvie Rohrer und Karl Markovics. Auch die Sendung „Ex libris“ am Sonntag, dem 25. Oktober, um 16:00 Uhr nimmt den Geburtstag zum Anlass, um das aktuelle Buch „Unter Tieren“ vorzustellen.””””””
Von Mürzzuschlag und frühen Werken zu späten Texten
Geboren wurde Jelinek am 20. Oktober 1946 im steirischen Mürzzuschlag. Mit Werken wie dem 1995 erschienenen Roman „Die Kinder der Toten“, in dem die Toten des Holocaust als blutrünstige Alpenzombies zurückkehren, hat sie die österreichische Literatur geprägt.
Ihre Figuren werden dabei nicht psychologisch ausgeleuchtet. Ihre größere Leistung liegt vielleicht im Theater, wo sie die Figur ganz abgeschafft hat; so kam etwa „Ein Sportstück“ im Januar 1998 in der Inszenierung von Einar Schleef am Burgtheater heraus – mit einem Sprechchor aus 80 Stimmen und einer Premiere, die bis ein Uhr morgens dauerte und bei der Jelineks damals 93-jährige Mutter die gesamte Aufführung durchsaß. Jelineks Text „Die Schutzbefohlenen“ über Geflüchtete hat sich mit den wechselnden Nachrichten immer wieder verändert.

Für ihr literarisches Schaffen verlieh ihr die Schwedische Akademie 2004 den Nobelpreis für Literatur „für ihren musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“. Ebenso schuf sie mit „Lust“, das 1989 erschien und von einigen Kritikern als Pornografie abgetan wurde, den Auftakt zu einem Zyklus über die Todsünden, der im Jahr 2000 mit „Gier“ fortgesetzt wurde und mit „Neidseinen Abschluss fand. Diesen privaten Roman veröffentlichte Jelinek 2007 und 2008 kapitelweise auf ihrer eigenen Website, bevor er im Juli 2025 als 748 Seiten starkes Rowohlt-Taschenbuch gedruckt erschien.
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Zu ihren bekanntesten Werken außerhalb des deutschen Sprachraums gehört der Roman Die Klavierspielerin
aus dem Jahr 1983, in dem Erika Kohut als Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium noch immer bei ihrer Mutter lebt und ihr Begehren sich nur in Kontrolle und Selbstverletzung äußert, geschöpft aus einer Welt des Konservatoriums, die ihre Autorin aus eigener Anschauung kannte. In ihren neueren Theatertexten hat sie die klassische Dialogstruktur weitgehend aufgelöst, und auch die Reden, die sie nicht mehr persönlich hält, kommen als Texte oder als selbst aufgenommene Videos an, während die Bühnen weiter mehr wollen.
Mit all meiner kostbaren Kleidung, diesen Haufen und Haufen von Stoff, bestehend aus reinen Grundlinien, von denen aus all die Pässe, die Treibbälle gespielt werden, gut gezielt, aber nur einmal, nein, zweimal wirklich gut getroffen, mit all diesen Fetzen, bald flächig, bald voluminös gebauscht, will ich vortäuschen, ich hätte darunter gar keinen Körper.
Elfriede Jelinek, im Theatermonolog „Jackie“ via ORF
Diese Worte aus dem Monolog verdeutlichen die Auseinandersetzung mit Identität und Oberfläche, die in den Werken der Autorin immer wieder zentral thematisiert werden.