Das als Eagle’s Nest bekannte Kehlsteinhaus in den bayerischen Alpen ist im Oktober durch einen mutmaßlichen Brandanschlag weitgehend zerstört worden, berichtet The Guardian.
Das historische Bauwerk, das auf einem 1.834 Meter hohen Berggipfel thront, wurde im Jahr 1938 fertiggestellt und diente dem nationalsozialistischen Regime vor allem dazu, Staatsgäste, Diplomaten und ausgewählte ausländische Journalisten zu empfangen und zu beeindrucken. Anders als die Mehrzahl der NS-Monumente hatte das Gebäude den Zweiten Weltkrieg und dessen Nachwehen überdauert und war jahrzehntelang als beliebtes Ausflugsziel und Restaurant genutzt worden.
Nach Angaben der JournalArta berichtenden Behörden wurde ein 33-jähriger Mann mit einer Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen unter dem Verdacht der Brandstiftung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht; die Ermittler äußerten sich zunächst nicht zu einem möglichen Motiv.
Durch das Feuer, das nach Einschätzung der in der The Guardian zitierten „Süddeutschen Zeitungkaum schwerer hätte beschädigt werden können als durch einen direkten Bombenangriff im April 1945, wurde niemand verletzt. Das in unmittelbarer Nähe befindliche Obersalzberg Dokumentationszentrum blieb unversehrt.
Die Zerstörung des Teehauses hat in Deutschland eine intensive Diskussion darüber ausgelöst, ob das Gebäude rekonstruiert oder im zerstörten Zustand belassen werden soll.

Der bayerische Kulturminister Markus Blume erklärte laut der Berichterstattung im The Guardian, dass eine Kommission aus Experten für Denkmalschutz, Bauwesen und der Kultur des Holocaust-Gedenkens einbezogen werden soll, um über die Zukunft des Ortes zu entscheiden. Angesichts der untrennbaren Verbindungen des Gebäudes zum NS-Regime müsse jede Rekonstruktion dieser historischen Verantwortung gerecht werden.
Auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sprach sich laut JournalArta für einen Wiederaufbau aus und betonte, man könne kaum eine Ruine dort stehen lassen. Nach Angaben von The Week versprach Herrmann, gemeinsam mit Historikern, lokalen Behörden und Denkmalschützern eine sinnvolle Lösung zur Fortführung der Gedenkarbeit zu finden.
Gegen eine Rekonstruktion positionierten sich hingegen verschiedene Historiker. Der auf die NS-Zeit spezialisierte Historiker Felix Bohr äußerte in Beiträgen unter anderem bei The Guardian die Ansicht, dass Hitlers Megalomanie eine Ruine bleiben solle und der Fokus auf der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie statt auf der Wiederherstellung von Kulissen liegen müsse.
Ähnlich äußerte sich der Historiker Richard J. Evans von der University of Cambridge, der laut JournalArta forderte, den Schutt zu entfernen und den Berg in seinen natürlichen Zustand zurückzuversetzen.

In die Debatte fließen zudem Überlegungen zum Umgang mit potenziellen Vereinnahmungen durch den Rechtsextremismus ein. Sven Keller, Leiter des Obersalzberg Dokumentationszentrums, warnte dem The Guardian zufolge davor, das Gelände gänzlich ungesichert als Ruine zu belassen, da dies im Wald verborgene Orte noch geheimnisvoller mache und den ungestörten Aufstieg von Neonazi-Pilgern begünstigen könnte.
Gleichzeitig verwies Bohr darauf, dass bei den Überlegungen auch neue politische Realitäten in Deutschland und Österreich berücksichtigt werden müssten, in denen rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte in Umfragen stark vertreten sind.
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