Gesetzlich versicherte Patienten müssen sich ab dem kommenden Jahr auf spürbar längere Wartezeiten bei Arztterminen einstellen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor drastischen Folgen durch geplante Budgetkürzungen und eine verschärfte Terminmeldepflicht. Der Bundestag beschloss die Reform der Notfallversorgung am 15. Oktober 2026, während Ärzteverbände heftigen Widerstand ankündigen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet für das Jahr 2027 mit gravierenden Engpässen bei der ambulanten Versorgung. Nach Angaben des KBV-Vorsitzenden Andreas Gassen habe die Bundesregierung durch finanzielle Kürzungen im System rechnerisch mehr als 50 Millionen Termine gestrichen, wie er im Gespräch mit der Bild
-Zeitung erklärte. Diese Entwicklung treffe gesetzlich Versicherte hart, die ohnehin oft monatelang auf einen Facharzttermin warten müssen.
Bereits am 14. Oktober beriet der Gesundheitsausschuss über das Vorhaben, bevor der Bundestag das Paket am 15. Oktober 2026 im Paket mit der Notfallreform beschloss. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, vertreten durch ihre Vorsitzende Catrin Steiniger, vertritt rund 5.000 Ärzte und Psychotherapeuten im Land Brandenburg und kritisierte die gesetzlichen Vorgaben ebenso wie der Virchowbund. Dessen Bundesvorsitzender Dr. Dirk Heinrich betonte, dass Vertragsärzte keineswegs Angestellte der Krankenkassen seien und die Hoheit über Praxen und Termine bei den Ärzten liege. Auch der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte mit seiner Bundesgeschäftsstelle in der Haart 221 in 24539 Neumünster, vertreten durch den Geschäftsstellenleiter Presse Thomas Hahn und Präsident Prof. Dr. Jan Löhler aus Bad Bramstedt, forderte die Streichung von Änderungsantrag 22.
Zu den weiteren Kritikern gehört der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie, dessen Vorstandssprecher Dr. Helmut Weinhart sowie Vizepräsidentin Dr. Anna-Katharina Doepfer ebenfalls vor den Folgen warnten. Auf regionaler Ebene forderte zudem die KV Rheinland-Pfalz durch ihren stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Andreas Bartels eine gesetzliche Regelung für verbindliche Ausfallentschädigungen gegen unentschuldigt versäumte Termine. Aus Sicht des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands verliefen die Forderungen nach einer Ablehnung des Änderungsantrags ebenfalls erfolglos. Der Virchowbund, vertreten durch den Geschäftsführer Kommunikation und Marketing Adrian Zagler sowie den Pressereferenten Marc Fehrmann, warnte vor unzulässigen Eingriffen, die man notfalls vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen lassen wolle.

Streit um feste Kontingente und die neue Terminmeldepflicht
Zusätzlichen Zündstoff liefert die vom Bundestag im Rahmen der Notfallreform beschlossene Verschärfung der Meldepflicht für freie Termine. Bisher konnten Vertragsärzte selbst bestimmen, in welchem Umfang sie Termine an die Terminservicestellen melden. Künftig sollen feste Kontingente im Einvernehmen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen festgelegt werden, die ab März 2027 verbindlich gelten.
Ärztevertreter und Berufsverbände laufen gegen diese Vorgaben Sturm. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg warnt davor, dass feste Quoten zulasten von Patienten gehen, die bereits in Behandlung sind.
Termine in unseren Arztpraxen sind keine beliebige planwirtschaftliche Verfügungsmasse.
Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes
Reaktionen der Facharztverbände und wirtschaftlicher Druck auf Praxen
Neben dem Virchowbund lehnen zahlreiche Spezialistenverbände die Neuregelung ab. Der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie kritisierte das Gesetzgebungsverfahren im Eilverfahren. Eine zentrale Steuerung berühre die freiberufliche Praxisführung im Kern, wie es von Verbänden heißt. Ähnlich scharfe Töne schlug der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte an, der von einem Tabubruch bei der unternehmerischen Selbstständigkeit sprach.

Um den wirtschaftlichen Druck abzufedern, reagieren erste Praxen bereits im Alltag. Laut der Zeitung strecken Mediziner mancherorts die Behandlungszeiten je Patienten, um Budgetverluste zu begrenzen, oder verlegen reguläre Termine gezielt in spätere Quartale.
Finanzlage der Kassen und veränderte Versorgungspfade
Hintergrund der Reform ist die angespannte Haushaltslage der gesetzlichen Krankenkassen. Ein im Bundestag beschlossenes Sparpaket soll das System im Jahr 2027 um rund 15 Milliarden Euro entlasten, um drohende Beitragserhöhungen abzuwenden, wie WELT darlegt. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann betonte, dass die strukturellen Probleme der Finanzierung dauerhaft gelöst werden müssen.
Kritiker wie Karsten Braun, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, bemängeln zudem den Wegfall von Anreizen für schnelle Terminvergaben, wie im Gespräch mit dem SWR erläutert wurde. Während die Politik auf eine stärkere Steuerung durch Hausärzte und Notfallzentren setzt, befürchten die Verbände, dass gesetzlich Versicherte am Ende das Nachsehen haben.
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