Tausende Festnahmen und Straßenschlachten erschüttern Frankreich, während landesweite Schülerproteste gegen Lehrermangel und baufällige Gebäude eskalieren. Bis Freitag schlossen hunderte Schulen, und Premierminister Sébastien Lecornu berief Krisensitzungen ein, um der wachsenden Wut und Gewalt im Land zu begegnen.
Landesweite Blockaden und die politische Eskalation
Was als friedlicher Protest an weiterführenden Schulen begann, hat sich zu einer ernsthaften Krise für die Regierung in Paris ausgeweitet. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez wurden seit Montag mehr als 5.000 Menschen festgenommen. Allein am Donnerstag und Freitag verzeichneten die Behörden fast 3.700 Festnahmen. Etwa 85 Prozent der Festgenommenen sind minderjährig.
Die Unruhen hatten nach Behördenangaben am Freitag im Großraum Paris begonnen. Auslöser waren Forderungen, die zahlreichen Missstände an den weiterführenden Schulen Frankreichs zu beenden. Seit Tagen machen Schülerinnen und Schüler an Frankreichs Gymnasien ihrem Ärger über marode Schulgebäude und zu wenig Lehrpersonal Luft. Ein Schüler des Gymnasiums Paul-Éluard in Saint-Denis schilderte die Probleme mit den Worten: „Unser Schulgebäude ist völlig baufällig, es fehlt an Stühlen und wir verlieren Unterrichtszeit, wenn wir diese erst suchen müssen.“ Mathias Nicolle, ebenfalls Schüler, berichtete weiter über die Zustände: „In den Klassenzimmern und Fluren krabbeln Kakerlaken herum, und es gibt auch Ratten. Zudem seien die Fenster kaputt, es gebe in den Klassenzimmern keine Toilettenpapier und kein Wasser, während es sehr heiß werde.
”
Jean-Rémi Girard, Lehrer an einem Gymnasium im Pariser Vorort Asnières-sur-Seine und Präsident der Lehrer-Gewerkschaft SNALC, beklagte im Radiosender RMC die massiven Auswirkungen des permanenten Geldmangels. In einer Klasse sitzen demnach oft 35 Kinder und Jugendliche, während ausfallende Lehrer nicht ersetzt und Stellen gestrichen werden. Doch neben friedlichen Demonstrationstagen kam es in zahlreichen Städten zu gewaltsamen Ausschreitungen. Laut Angaben des Bildungsministers Édouard Geffray mussten rund 400 Schuleinrichtungen geschlossen werden, während an etwa 735 Standorten Proteste stattfanden.
Angriffe auf Einsatzkräfte und brennende Barrikaden
In den Metropolen und Vororten schlugen die Proteste vielerorts in offene Straßenschlachten um. Jugendliche errichteten Barrikaden aus brennenden Mülltonnen und legten Brände. Nach Behördenangaben legten die Protestierenden außerdem mehrere Brände und zündeten Autos von Lehrkräften an. Ein Regierungsvertreter wurde am Donnerstag gegenüber dem Magazin „Le Point“ mit der Aussage zitiert, es gehe nicht mehr um die Blockade von Schulen, sondern um Gewalt in den Städten. Für das Kabinett von Premierminister Sébastien Lecornu markierte der 1. Oktober einen Wendepunkt, an dem nach Angaben des Innenministeriums 1949 überwiegend minderjährige Personen festgenommen und 305 Einsatzkräfte verletzt wurden.”
Besonders die Gewalt gegen Rettungskräfte und Sicherheitsbeamte sorgte für Entsetzen. In Paris wurde eine Polizeianwärterin von Jugendlichen verfolgt, zu Boden gerissen und attackiert, während Angreifer riefen: Tötet sie!
Nach Angaben des Pariser Polizeipräsidiums ereignete sich der Angriff, als die Polizistin anhielt, um ein heruntergefallenes Funkgerät aufzuheben. Mehrere Angreifer hielten sie fest und schlugen auf sie ein. Das Pariser Polizeipräsidium verurteilte den Vorfall als unsägliche Tat, während der Pariser Polizeipräfekt Laurent Nuñez auf X schrieb: „Eine Vertreterin von Recht und Ordnung auf diese Weise anzugreifen, ist unerträglich.“ Er sicherte der verletzten Beamtin sowie den weiteren 305 Polizisten und Gendarmen, die am Donnerstag bei Einsätzen verletzt wurden, seine volle Unterstützung zu. Videos des Angriffs zeigten, wie mehrere junge Männer der Polizistin hinterherlaufen, ihr ein Bein stellen und auf sie einschlagen; auch Marine Le Pen von der Partei Rassemblement National teilte Aufnahmen und sprach von unerträglicher Gewalt. Auch der Leiter einer Berufsschule im nordfranzösischen Auchel wurde verletzt, als ihn nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Béthune ein Feuerwerkskörper traf, der von seinem Körper abprallte und wenige Meter entfernt explodierte. Der Mann wurde mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert. In Straßburg und Marseille setzten die Behörden zudem den Straßenbahnverkehr zeitweise aus und untersagten den Transport von Benzinkanistern sowie den Verkauf bestimmter Feuerwerkskörper.

Schülervertreter distanzieren sich und fordern Reformen
Angesichts der zunehmenden Eskalation suchten Regierungsvertreter das Gespräch mit den Demonstranten. Nach einem Treffen mit Bildungsminister Geffray verurteilten verschiedene Gymnasiastenvertreter die Ausschreitungen scharf.
„Es gibt Szenen der Gewalt, die absolut widerlich sind.
Nathanaël Combray, Renouveau Lycéen
Gleichzeitig machten die Jugendvertreter deutlich, dass der Druck auf die Politik aufrechterhalten werden müsse. Ryad Rani von der Gewerkschaft USL kritisierte, dass das Ministerium bei dem Treffen keine konkreten Ankündigungen gemacht habe, und kündigte an, man werde nicht lockerlassen. Zum Gesicht der Bewegung ist Ryad Rani geworden – ein 18-jähriger Aktivist (in Berichten teils auch als 19-jährig geführt) mit Verbindung zu La France insoumise. Auf seinen Social-Media-Accounts solidarisiert er sich mit dem libanesischen Extremisten Georges Ibrahim Abdallah und der verbotenen Antifa-Gruppe Jeune Garde. Mehrere Politiker der linksgerichteten Partei La France insoumise (LFI) zeigten sich bei blockierten Schulen, wobei der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, seine Anwesenheit bei Ausschreitungen als Teil seiner Amtspflichten verteidigte, während Verteidigungsminister beziehungsweise Premierminister Sébastien Lecornu LFI eine unverantwortliche Eskalation vorwarf. Bildungsminister Édouard Geffray appellierte an die Eltern, ihre Kinder von den Blockaden fernzuhalten, da sie auf der Straße in Gefahr seien.
Chronischer Lehrermangel und strukturelle Missstände
Hinter den Protesten steht eine jahrelange Frustration über den Zustand des öffentlichen Bildungssystems. Lehrkräfte und Schüler beklagen ausfallenden Unterricht, marode Klassenzimmer und mangelnde Ressourcen. Das Durchschnittsnettogehalt von Lehrkräften in Frankreich liegt laut einer OECD-Studie bei rund 3.090 Euro, bei Berufseinsteigern bei knapp 1.900 Euro, was im europäischen Vergleich und gegenüber anderen akademischen Berufen im Land als gering gilt.
Premierminister Sébastien Lecornu berief angesichts der landesweiten Unruhen Krisensitzungen ein, während Justizminister Gérald Darmanin drohte, Eltern für die durch ihre Kinder verursachten Schäden zur Kasse zu bitten. Die Regierung setzt neben erhöhter Polizeipräsenz auf weitere Gespräche, doch die Gewerkschaften unterstützen bereits Folgestreiks für die kommende Woche.
Verwandte Artikel