Deutschland will seine Berufsausbildung reduzieren und orientiert sich dabei an der Schweiz. Der Bundesrat beschloss kürzlich, die Zahl der rund 330 Ausbildungsberufe perspektivisch zu verringern und verwandte Berufe zusammenzulegen. Aus der deutschen Wirtschaft kommt jedoch Skepsis bezüglich möglicher Einheitslösungen ohne Rücksicht auf Betriebe.
Zu viele Berufe, zu viele Spezialisierungen und zu viele Möglichkeiten bestimmen nach Ansicht von Kritikern den gegenwärtigen Ausbildungsmarkt in Deutschland. Um Ordnung in diesen sogenannten Ausbildungsdschungel zu bringen, blickt das Land nun auf das Schweizer System.
Die Berufsbildung hat sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz einen hohen Stellenwert, steht jedoch zunehmend unter Druck. Während in Deutschland rund 330 anerkannte Ausbildungen existieren, bietet die Schweiz rund 240 Lehrberufe zur Auswahl an. Die hohe Anzahl an Berufen in Deutschland erschwert nach Ansicht des Bundesrates, der deutschen Länderkammer, Jugendlichen die Berufswahl und stellt Schulen vor organisatorische Probleme.
Der Beschluss des Bundesrates und das Schweizer Vorbild
Der deutsche Bundesrat beschloss kürzlich, die Zahl der Ausbildungsberufe perspektivisch zu verringern. Dabei sollen verwandte Berufe zu Kernberufen zusammengelegt sowie Fachrichtungen und Schwerpunkte reduziert werden. Den Anstoss zu diesem Vorstoss gab das Bundesland Sachsen unter Ministerpräsident Michael Kretschmer mit einem ursprünglich noch weitreichenderen Antrag.
Im offiziellen Beschluss der Länderkammer wird das Schweizer Berufsbildungsgesetz prominent als Vorbild genannt. In der Schweiz entscheiden sich etwa zwei Drittel der Jugendlichen für eine berufliche Grundbildung. Ein zentrales Merkmal des Schweizer Modells ist dessen kontinuierliche Weiterentwicklung: Alle fünf Jahre werden die Ausbildungen überprüft, um wirtschaftlichen, technologischen, ökologischen und didaktischen Anforderungen gerecht zu werden. Berufe werden modernisiert, zusammengelegt oder neu geschaffen. Allein im Jahr 2024 genehmigte der Bund 13 neue oder überarbeitete Grundbildungen, während andere wie der Betriebsinformatiker oder der Kleinmotorrad- und Fahrradmechaniker in den vergangenen Jahren verschwanden, da ihre Kompetenzen heute durch andere Lehrberufe abgedeckt werden.
Mahnende Worte und Skepsis aus der deutschen Wirtschaft
Wie weit die Reformen in Deutschland gehen sollen, ist Gegenstand von Debatten. Wirtschaftslobbyisten äussern bereits deutliche Bedenken. Der Handelsverband Deutschland begrüßt zwar den Beschluss des Bundesrates, betont jedoch, dass der ursprüngliche Vorstoss aus Sachsen im Laufe des Verfahrens deutlich abgeschwächt wurde.
Der Verband warnt davor, Ausbildungsberufe lediglich deshalb zusammenzulegen, um den Berufsschulunterricht organisatorisch zu vereinfachen.
Die betriebliche Praxis muss darüber entscheiden, welche Ausbildungsberufe und Qualifikationen gebraucht werden.
Handelsverband Deutschland
Diese Haltung deckt sich mit einem Grundprinzip des Schweizer Modells, bei dem Berufsverbände und Staat die Lehrberufe gemeinsam weiterentwickeln. Dabei stehen stets die Bedürfnisse der Arbeitswelt im Vordergrund und nicht eine Reduktion der Berufsanzahl um jeden Preis. Der Ball liegt nun bei der Bundesregierung in Berlin, die über die konkrete Umsetzung des Länderbeschlusses entscheiden muss.
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