Europäische Forscher haben auf Kreta eine isolierte Kolonie der Argentinischen Ameise entdeckt, die genetisch und chemisch abweicht und Nachbarvölker angreift. Dieser Fund deutet darauf hin, dass das weltweit größte tierische Supernetzwerk, das sich über Tausende Kilometer erstreckt, im Zuge globaler Verschleppungen allmählich in konkurrierende Gruppen zerbricht.
Im Sommer 2026 untersuchten Wissenschaftler aus Polen, Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland Völker der Argentinischen Ameise in Griechenland und Spanien. Dabei verglichen die Forscher Erbgut, Körperbau und Duftstoffe der Tiere und konfrontierten Arbeiterinnen direkt miteinander, um deren Reaktionen zu messen. Fast alle untersuchten Proben gehörten zu der bekannten europäischen Hauptkolonie, einem gigantischen Verband, der sich von Nordwestspanien bis nach Griechenland zieht. Eine Ausnahme bildeten jedoch Tiere aus Heraklion auf Kreta, die ein eigenes Profil aufwiesen und andere griechische Völker attackierten.
Das globale Imperium der Superkolonien und seine biologischen Grenzen
Die Argentinische Ameise misst im Schnitt zwei bis drei Millimeter, besitzt keinen Stachel, keine großen Kiefer und keine Panzerung. Ihr ursprüngliches Habitat liegt in den Überschwemmungsebenen im Norden Argentiniens sowie in angrenzenden Gebieten von Paraguay, Uruguay und Südbrasilien. Dort erzwingt regelmäßiges Hochwasser ein mobiles und zahlreiches Auftreten der Nester. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte die Art als blinder Passagier nach Nordamerika, als Schiffe mit Zucker aus Argentinien New Orleans erreichten. Wenige Jahre später breitete sich die Ameise in Kalifornien aus und besiedelt heute alle Kontinente mit Ausnahme der Antarktis.
Der evolutionäre Erfolg der Art beruht auf einer besonderen Sozialstruktur. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ameisenarten verfügt ein Volk nicht über eine einzige Königin, sondern über zahlreiche. Neue Nester entstehen durch Abspaltung, bei der ein Teil des Volkes wenige Meter weiterzieht, anstatt riskante Hochzeitsflüge zu wagen. Auf diese Weise bilden sich Netze aus tausenden miteinander verbundenen Nestern, die sich wie ein einziger Organismus verhalten, was Fachleute als Superkolonie bezeichnen.
Geruch als Identität und die Frontlinien bei Escondido
Zusammengehalten wird dieses weltweite Netzwerk ausschließlich über den Geruchssinn. Jede Arbeiterin trägt eine chemische Signatur aus Kohlenwasserstoffen auf ihrer Körperhülle. Stimmt diese Signatur überein, gilt das Gegenüber unabhängig von seinem Herkunftsort oder Kontinent als Angehöriger. Weicht der Duft hingegen ab, erfolgt ein kompromissloser Angriff. Die Artzugehörigkeit spielt dabei keine Rolle, weshalb es auch unter Argentinischen Ameisen zu tödlichen Auseinandersetzungen kommt, wenn die chemische Erkennung fehlschlägt.
Wo verschiedene solcher Superreiche aufeinandertreffen, entstehen kilometerlange Frontlinien. Biologen dokumentierten solche Zonen beispielsweise bei Escondido nördlich von San Diego, wo schmale Streifen aus Millionen zerlegter Tiere zeugen. Allein in Kalifornien schätzten Beobachter die Zahl der Todesopfer durch innerartliche Kriege auf rund 30 Millionen pro Jahr. Innerhalb einer einzigen Superkolonie herrschte hingegen bislang Frieden, was den Völkern erlaubte, ihre Kräfte voll und ganz auf die Verdrängung einheimischer Arten zu richten.
Der Befund aus Heraklion und das Risiko des Zerfalls
Die auf Kreta gefundene Kolonie aus Heraklion stellt laut den Forschern keine einfache Tochtergesellschaft der europäischen Hauptkolonie dar. Es handelt sich stattdessen um eine eigenständige, in Europa bisher unbekannte Superkolonie, die offenbar unabhängig eingeschleppt wurde und eine völlig neue Duftsignatur mitbringt.
Dieser Befund zeigt, wie der Mensch das von ihm selbst geschaffene Imperium nun wieder fragmentiert. Da eine Superkolonie auf einem einheitlichen Erkennungssignal beruht, bricht sie auf, sobald fremde Signaturen in ihr Gebiet getragen werden. Der anhaltende internationale Schiffsverkehr schleppt fortlaufend fremde Populationen ein, wodurch im bisher geschlossenen Verband neue Frontlinien und Lücken entstehen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnte das weltweite Reich langfristig in ein Mosaik konkurrierender Kolonien zerfallen, während die Ameisen ihre Energie wieder vermehrt in Kämpfe gegen Artgenossen stecken.
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