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Welt

Alberta stimmt über Prozess für Unabhängigkeitsreferendum ab

Wähler in der kanadischen Provinz Alberta stimmen am Montag in einem umstrittenen Referendum darüber ab, ob ein rechtlicher Prozess für eine spätere Volksabstimmung über die Unabhängigkeit eingeleitet werden soll. Die von Premier Danielle Smith angesetzte Abstimmung verknüpft weitreichende ökonomische Frustrationen mit scharfen Debatten über nationale Souveränität.

Das Referendum und die umstrittene Frage Nummer 10

Die Abstimmung vom 19. Oktober 2026 ist nach Angaben von NZZ rechtlich nicht bindend, birgt jedoch erhebliche politische Sprengkraft.

Nach rechtlichen Schritten indigener Gruppen änderte die Provinzregierung das Wording. Premier Danielle Smith setzte die aktuelle Formulierung durch, bei der die Wählerinnen und Wähler über den Start des formalen Verfassungsprozesses abstimmen.

What does Alberta’s referendum separation question even mean? | About That

Soll Alberta eine Provinz Kanadas bleiben [Option 1] oder soll die Regierung von Alberta den in der kanadischen Verfassung vorgeschriebenen rechtlichen Prozess einleiten, um ein verbindliches provinziales Referendum darüber abzuhalten, ob sich Alberta von Kanada trennen soll oder nicht [Option 2]?

Wortlaut von Frage 10, überliefert durch RTÉ

Die Stimmabgabe erfolgt per Handzählung, wobei Frage 10 zuerst ausgezählt wird und Ergebnisse in den frühen Morgenstunden des Dienstags erwartet werden.

Wirtschaftliche Frustrationen und das Erbe der Bundespolitik

Dennoch fühlen sich viele Bewohner seit Jahrzehnten von den bevölkerungsreichen östlichen Provinzen Ontario und Quebec sowie von der Bundesregierung in Ottawa benachteiligt.

Alberta stimmt über Prozess für Unabhängigkeitsreferendum ab
Foto: nzz.ch

Die Unzufriedenheit reicht bis in die 1980er Jahre zurück. Damals führte Pierre Trudeau das National Energy Program ein, das Inlandspreise unter dem Weltmarktdeckel hielt und zu massiven Einnahmeverlusten in Alberta führte. Unter seinem Sohn Justin Trudeau (2015–2025) verschärften sich die Konflikte durch strenge Klima- und Umweltvorgaben sowie steigende CO2-Steuern, welche die fossile Brennstoffindustrie nach Ansicht von Kritikern gezielt ausbremsten.

Führende Köpfe der Separatisten wie Mitch Sylvestre und Jeffrey Rath von der Alberta Prosperity Project sowie Chris Scott von Let’s Talk Alberta argumentieren, dass das rohstoffreiche Land ohne die Last der Bundepolitik mehr eigenen Wohlstand behalten würde. Unter den Befürwortern eines künftigen bindenden Referendums wollen nach Angaben von Umfragen rund 60 Prozent lediglich ein Signal an Ottawa senden.

Meinung: Kanadas Zukunft – Wie Albertas Referendum alles verändert

Warnungen von Premierminister Mark Carney und die Rolle von Danielle Smith

Kanadas Premierminister Mark Carney, der selbst in Alberta aufgewachsen ist, hat sich vehement gegen die Abspaltungspläne positioniert. Vor einer pro-kanadischen Kundgebung in Calgary warnte er vor externen Bedrohungen und wirtschaftlicher Unsicherheit in Zeiten von Handelskriegen mit den Vereinigten Staaten.

Die Welt ist gefährlicher und gespaltener geworden. Einige außerhalb unserer Grenzen arbeiten daran, uns zu brechen, damit sie uns besitzen können.

Mark Carney, Premierminister von Kanada, zitiert durch DW

Carney appellierte an die Bevölkerung, die Abstimmung nicht als bloßen Denkzettel zu missbrauchen. Um den Regionen entgegenzukommen, hat seine Regierung unter anderem bestehende Umweltvorgaben gelockert und ein neues Pipeline-Projekt zur Beförderung von Öl an den Pazifik unterstützt. Umfragen von Angus Reid zeigen, dass etwa 66 Prozent der Wählerinnen und Wähler für den Verbleib bei Kanada stimmen wollen, während die Unterstützung für die Unabhängigkeit bei rund 22 Prozent liegt.

Canada's Prime Minister Mark Carney attends a Forever Canadian rally in Calgary, Alberta, Thursday, Oct. 15
Foto: dw.com

Provinzpremier Danielle Smith selbst betreibt eine Art Doppelspiel. Obwohl sie persönlich für den Verbleib im kanadischen Staatsverband wirbt, ermöglichte sie das Referendum, um den starken Unabhängigkeitsflügel innerhalb ihrer United Conservative Party zu besänftigen. Kritiker aus indigenen First-Nations-Gemeinden bewerteten dieses Vorgehen als autoritär und undemokratisch, da ein möglicher Austritt ihre verfassungsmäßigen Verträge direkt berühren würde.

Wirtschaftliche Unsicherheiten und die ungelöste Zukunft der Bewegung

Gegner der Trennung verweisen auf die massiven Risiken, die mit einem Austritt verbunden wären. Ein unabhängiges Alberta stünde vor ungelösten Fragen bezüglich der künftigen Währung, der Verteilung von Milliardenbeträgen an Staatsschulden und der Fortgeltung kanadischer Freihandelsabkommen. Kritiker vergleichen die Situation offen mit den wirtschaftlichen Verwerfungen des britischen Brexit-Votums von 2016.

Unabhängig vom erwarteten Ausgang an den Urnen gehen Beobachter davon aus, dass die separatistischen Strukturen bestehen bleiben. Laut Umfragen glauben drei von fünf Wählern, dass die Unabhängigkeitsbewegung in der Provinz niemals ganz verschwinden wird.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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