Deutsche Rüstungsaktien wie Rheinmetall, RENK, HENSOLDT und TKMS stehen trotz Rekordaufträgen und angehobener Prognosen unter Abwärtsdruck. Auslöser sind politische Entspannungshoffnungen im Konflikt zwischen Russland und den USA sowie Kritik an Lieferzeiten und Qualität.
Der europäische Rüstungssektor befindet sich in einem tiefen Zwiespalt. Auf der einen Seite füllen sich die Auftragsbücher durch den kontinuierlichen Aufbau verteidigungspolitischer Kapazitäten rasant; auf der anderen Seite reagieren die Aktienmärkte sensibel auf politische Entspannungssignale und operative Reibungspunkte. Die Aussicht auf eine Annäherung zwischen Russland und den USA belastet die Kurse branchenweit, während Anleger gleichzeitig genau hinsehen, ob die Konzerne ihre milliardenschweren Verpflichtungen reibungslos abwickeln können.
Analysten sehen massives Potenzial bei RENK, doch die Börse zögert
Besonders deutlich zeigt sich diese Diskrepanz beim Augsburger Getriebespezialisten RENK. Während Investmentbanken wie Barclays mit einer Einstufung als Overweight
und einem Kursziel von 60 Euro sowie Warburg Research mit einem Ziel von 63 Euro optimistisch in die Zukunft blicken, tritt die Aktie auf der Stelle. Die Papiere schlossen zuletzt bei 48,34 Euro, womit ein beachtlicher Abstand zwischen Marktwert und Analysteneinschätzungen klafft.

Operativ läuft das Geschäft solide. Im ersten Halbjahr kletterte der Umsatz um rund 3 Prozent auf 637,2 Millionen Euro, verglichen mit 620,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das bereinigte EBIT wuchs noch dynamischer, und das Management bekräftigte seine Jahresprognose, die einen Umsatz von über 1,5 Milliarden Euro sowie ein bereinigtes EBIT zwischen 255 Millionen und 285 Millionen Euro vorsieht. Dennoch drückt das moderate Wachstumstempo auf die Stimmung, zumal die Aktie nach einem kurzen Vorstoß über die psychologisch wichtige Marke von 50 Euro sofort Gewinnmitnahmen ausgesetzt war.
Zusätzliche Fantasie bringen mögliche Konsolidierungsszenarien in die Diskussion. Nach Einschätzung von JPMorgan gilt das Unternehmen als attraktives Ziel für größere Branchenkollegen, wobei Analyst David Perry ein Kursziel von 75 Euro aufruft. Als strategischer Partner wird vor allem KNDS gehandelt, das bereits eine Beteiligung an dem Getriebebauer hält.
TKMS trotzt dem Marktumfeld mit angehobener Prognose und Rekordnachfrage
Einen deutlichen Befreiungsschlag konnte hingegen der Marinespezialist TKMS verzeichnen. Das Unternehmen hob im August seine eigene Guidance nach starken Ergebnissen an.

Die operative Gewinnmarge wird für das Gesamtjahr nun bei bis zu 6,5 Prozent gesehen.
Operative Reibungspunkte und Qualitätsfragen belasten den Sektor
Trotz dieser starken Einzelergebnisse lastet ein diskussionswürdiges Marktumfeld auf den deutschen Rüstungswerten. Kritische Berichte über Lieferverzögerungen und Qualitätsmängel haben für Verunsicherung gesorgt. So bemängelten Bundeswehr und Beschaffungsamt kürzlich operative Abläufe, und die Ausmusterung von mehr als 5.200 Schutzplatten aus Polizeischutzwesten wegen festgestellter Mängel im Rheinmetall-Umfeld strahlte negativ auf den gesamten Sektor aus.
Anleger befürchten, dass ähnliche Herausforderungen bei der Termintreue und Fertigungsqualität auch andere Hersteller treffen könnten. Dies zeigt sich auch bei HENSOLDT, wo der Sensorhersteller zwar im ersten Halbjahr den Auftragseingang verdoppeln konnte, eine etwaige Übernahme jedoch durch Ankeraktionäre wie den italienischen Konzern Leonardo und die KfW-Bankengruppe, die eine Sperrminorität hält, strukturell kompliziert bleibt.
Für die kommenden Wochen richtet sich der Blick der Anleger vor allem auf die Veröffentlichung der nächsten Quartalszahlen – darunter der von RENK für den 5. November angekündigte Bericht –, die zeigen müssen, inwieweit die rekordvollen Auftragsbestände in stabile Margen und verlässliche Kursgewinne umgemünzt werden können.
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