Eine im Fachjournal PLOS Medicine veröffentlichte Untersuchung mit fast 29.000 Menschen zeigt, dass typische Folgeerkrankungen nach einer Typ-2-Diabetes-Diagnose bei Frauen und Männern unterschiedlich verteilt sind. Während Männer häufiger Herz-Kreislauf- und Nierenkomplikationen entwickeln, leiden Frauen nach den Daten aus britischen Krankenakten vermehrt unter psychischen Leiden wie Angststörungen und Depressionen.
Typ-2-Diabetes ist eine weitverbreitete Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper nicht mehr ausreichend auf das Hormon Insulin reagiert. Da Zellen in diesem Fall den Zucker aus dem Blut nicht mehr richtig aufnehmen können, steigt der Blutzuckerspiegel dauerhaft an. Langfristig schädigt dieser Zustand Blutgefäße, Nerven und Organe. Betroffene entwickeln daher häufig Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Herzprobleme, Nierenschäden oder psychische Beschwerden wie Depressionen.
Auswertung von fast 29.000 Krankenakten zeigt geschlechtsspezifische Muster
Um herauszufinden, ob diese Spätfolgen Männer und Frauen gleichermaßen treffen, analysierte ein Forschungsteam Daten von 28.720 Menschen. Die Grundlage bildeten britische Hausarzt- und Krankenhausakten von Patientinnen und Patienten, die zwischen 2010 und 2020 erstmals die Diagnose Typ-2-Diabetes erhielten. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren die Männer im Schnitt 54 Jahre alt, die Frauen im Durchschnitt 56 Jahre alt. Die Beobachtung der Teilnehmenden erstreckte sich über einen typischen Zeitraum von 6,8 Jahren.
Insgesamt entwickelten 39 Prozent der untersuchten Diabetikerinnen und Diabetiker mindestens eine der erfassten Folgeerkrankungen. Den größten Anteil machte bei beiden Geschlechtern der Bluthochdruck aus, der bei 20,2 Prozent der Frauen und 21,1 Prozent der Männer festgestellt wurde. Bei weiteren gesundheitlichen Problemen traten jedoch deutliche Unterschiede zutage.
Herz-Kreislauf-Komplikationen bei Männern, psychische Diagnosen bei Frauen
Die Datenauswertung ergab eine klare Trennlinie bei den Spätfolgen. Männer entwickelten in allen Altersgruppen häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder schwere Nierenkomplikationen als Frauen. Zudem traten diese schwerwiegenden Probleme bei männlichen Patienten zu einem früheren Zeitpunkt auf.
Frauen hingegen erhielten in jeder Altersgruppe signifikant öfter eine psychische Diagnose als gleichaltrige Männer. Dazu zählten Angststörungen, Depressionen sowie somatoforme Störungen, bei denen körperliche Beschwerden im Vordergrund stehen. Besonders auffällig war die Wahrscheinlichkeit unter jungen Patientinnen: Bei den 16- bis 39-jährigen Frauen zeigte sich das höchste Risiko für eine spätere Diagnose in diesem Bereich.
Ursachenforschung und Verhaltensunterschiede im medizinischen System
Da es sich bei der Untersuchung im Fachjournal PLOS Medicine um eine reine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich aus den Ergebnissen keine direkten Kausalitäten ableiten. Die Befunde beweisen somit nicht, dass das biologische Geschlecht selbst die alleinige Ursache für die unterschiedlichen Risiken ist.

Forschende weisen stattdessen auf mögliche Erklärungen hin, die im alltäglichen Verhalten begründet liegen könnten. So nutzen Frauen medizinische Leistungen im Durchschnitt deutlich häufiger und erhalten mehr Dauermedikamente. Durch diese engere Anbindung an das Gesundheitssystem könnten Ärzte psychische Erkrankungen bei Frauen schlicht öfter erkennen. Umgekehrt sprechen Männer körperliche oder seelische Beschwerden möglicherweise seltener an oder nehmen professionelle Hilfe erst zu einem späteren Zeitpunkt in Anspruch.
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