Zum Inhalt springen
Unterhaltung

TddL: Zweiter Lesetag in Klagenfurt mit Bachmann-Prinzip

Am Freitag, dem 26. Juni 2026, beginnt in Klagenfurt der zweite Lesetag der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur. Das diesjährige Jubiläum markiert ein halbes Jahrhundert dieses Wettbewerbs, der als einer der prestigeträchtigsten und zugleich umstrittensten Literaturpreise im gesamten deutschsprachigen Raum gilt. Neben der Österreicherin Magdalena Schrefel präsentieren Autoren wie Lena Schätte und Seraina Kobler ihre Texte. Die Veranstaltung wird teilweise live durch 3sat übertragen, während die Jury über die Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preis berät.

Das Besondere am Ingeborg-Bachmann-Preis ist das sogenannte „Bachmann-Prinzip“: Die Texte werden nicht im stillen Kämmerlein bewertet, sondern die Jury diskutiert ihre Urteile unmittelbar nach der Lesung öffentlich vor dem Publikum und den Autoren. Diese Form der transparenten, oft hochemotionalen Kritik macht den Wettbewerb zu einem öffentlichen Ereignis, das weit über die literarische Fachwelt hinaus Beachtung findet.

Der Ablauf des zweiten Lesetags

Der Freitag startet um 10.00 Uhr mit Lena Schätte. Laut einem Bericht von ORF Kärnten folgt um 11.00 Uhr Ozan Zakariya Keskinkilic aus Deutschland, bevor um 12.00 Uhr die Schweizerin Seraina Kobler an der Reihe ist. Den Nachmittag bestreiten Magdalena Schrefel aus Österreich und Caroline Rosales aus Deutschland.

Der Ablauf des zweiten Lesetags
Photo: DiePresse.com

Das Publikum muss sich heuer entscheiden, wo es den Lesungen folgt. Zur Auswahl stehen das klimatisierte ORF-Theater des Kärntner Landesstudios oder der Bachmann-Park. Die mediale Begleitung durch den Sender 3sat und den ORF sorgt dafür, dass die Veranstaltung sowohl vor Ort als auch für ein europaweites Fernsehpublikum zugänglich ist. Um den Besuchern bei den oft extremen Temperaturen im Juni entgegenzukommen, wurde der Bachmann-Park mit Beschattungen und Liegestühlen ausgestattet. Besonders beliebt sind vor Ort die Wasserspender und die von 3sat bereitgestellten Fächer.

Dramatik am ersten Tag: Abgänge und Applause

Der Auftakt am Donnerstag war von gegensätzlichen Reaktionen geprägt. Besonders auffällig war das Verhalten von Slata Roschal. Die 1992 in St. Petersburg geborene Autorin, die derzeit als Stadtschreiberin in Graz tätig ist, verließ den Saal vorzeitig. Wie Die Presse berichtet, setzte sie sich in den Garten, um der Jury-Diskussion über ihren Text aus der Distanz zuzuhören. Ihr Werk, ein Romanauszug mit dem Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“, spiegelt den Literaturbetrieb ironisch wider und endet mit dem Tod des Autors.

Dramatik am ersten Tag: Abgänge und Applause
Photo: Kleine Zeitung
Dramatik am ersten Tag: Abgänge und Applause
Photo: Der Standard

Ganz anders verlief die Aufnahme von Kinga Tóth. Die 1983 in Ungarn geborene Autorin präsentierte ihren Text „OstblockMädl“ als eine Mischung aus Installation und Performance. Die halb gesungene Geschichte über Frauen, die Grenzen zum Westen übertreten, löste bei Jurymitgliedern wie Mithu Sanyal und Thomas Strässle Begeisterung aus.

Ein weiterer Favorit des ersten Tages ist Fiona Sironic. Die in Wien lebende Deutsche, Jahrgang 1995, war bereits 2025 mit ihrem Debütroman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ihr Text „Mikrobieller Verfall“ thematisiert die körperliche Reaktion auf ausbreitenden Schimmel in einer Wohnung und die Flucht ins Digitale.

Die Fronten der Jury: Kastberger gegen Tingler

Innerhalb der Jury zeichnet sich ein deutlicher Gegensatz ab. Während Klaus Kastberger Sironics Text mit großer Begeisterung aufnahm, reagierte Philipp Tingler skeptisch.

Die Fronten der Jury: Kastberger gegen Tingler

„Ein großartiger Text der österreichischen Literatur, egal, woher Sie kommen!“

Klaus Kastberger, Juryvorsitzender

Tingler hingegen zeigte sich bei der Performance von Kinga Tóth wenig beeindruckt und bemerkte kritisch:

„Früher wäre man bei so einer Lesung rausgegangen und hätte sich einen Kaffee geholt.“

Philipp Tingler, Jurymitglied

Diese Spannungen zwischen den Jurymitgliedern sind Teil der Tradition des Wettbewerbs. Die öffentliche Auseinandersetzung über die Definition von Literatur – etwa die Frage, ob eine Performance noch als Text gilt oder ob die Form den Inhalt überlagert – ist ein zentrales Element der Tage der deutschsprachigen Literatur. In einem Beitrag von Der Standard wird die Dynamik zwischen Jury und Autoren thematisiert, wobei die Bezeichnung der Autoren als „Pferdchen“ durch Jurymitglieder erwähnt wird. Diese Metapher verdeutlicht das oft asymmetrische Machtverhältnis, bei dem die Autoren ihren Werken fast schutzlos ausgeliefert sind.

Der Weg zum Finale am Sonntag

Nach dem heutigen zweiten Lesetag folgt am Samstag der Abschluss der Präsentationen. Die Liste der verbleibenden Autoren umfasst:

  • Derya Uzun (D)
  • Christoph Szalay (A)
  • Wolfgang Popp (A)
  • Gesche Heumann (D)

Die Eröffnung am Mittwochabend, die laut Kronen Zeitung kurz und prägnant verlief, wurde erstmals live von 3sat übertragen. Die „Rede zur Literatur“ hielt die Bachmannpreisträgerin von 2020, Helga Schubert. Die Einbindung ehemaliger Preisträger dient traditionell dazu, die Kontinuität des Preises und seine Bedeutung für die literarische Entwicklung im deutschsprachigen Raum zu unterstreichen.

Das Finale findet am Sonntag statt. Ab 11.00 Uhr werden die Schlussdiskussion und die Preisvergabe live übertragen. In dieser finalen Runde wägt die Jury alle eingereichten Texte gegeneinander ab, um den Hauptpreis zu bestimmen. Bisher lassen sich keine eindeutigen Favoriten ausmachen, auch wenn die ersten Tage bereits starke emotionale und künstlerische Akzente gesetzt haben.

Find more reporting in our Unterhaltung section.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.