Traude Apel-Kossatz, die Gründerin des Wiener Figurentheaters Lilarum, ist am Donnerstag, den 18. Juni 2026, im Alter von 86 Jahren in Wien verstorben. Das Theater gab dies am Freitag bekannt. Kossatz prägte über Jahrzehnte die Wiener Kinderkultur, indem sie ein spezialisiertes Angebot für Drei- bis Vierjährige schuf.
Der Weg vom Uhrmacherhandwerk zur Bühne
Der Einstieg in die Welt des Puppentheaters war für Traude Apel-Kossatz kein linearer Pfad. Wie wien.ORF.at berichtet, absolvierte sie zunächst eine Lehre als Uhrmacherin. Diese Zeit war für sie prägend, da sie darin Präzision und die Verantwortung für das eigene Werk erlernte – Fertigkeiten, die später in der Konstruktion ihrer komplexen Figuren eine zentrale Rolle spielen sollten. Die handwerkliche Herkunft ermöglichte es ihr, die Mechanik der Figuren nicht nur als dekoratives Element, sondern als funktionales Werkzeug zu verstehen, wobei jedes Gelenk und jede Bewegung präzise auf die Anforderungen der Inszenierung abgestimmt war.

In den 1970-Jahren verschob sich ihr Fokus. Malunterricht und Aquarellausstellungen ebneten den Weg, während Begegnungen mit Bühnenbildnerinnen und Puppenspielern ihr Interesse am Theater weckten. Diese Phase markierte den Übergang von der handwerklichen Präzision der Uhrmacherei zur künstlerischen Gestaltung des Bühnenraums und der Entwicklung einer eigenen visuellen Sprache.
Die Entwicklung des Lilarum: Von der Wanderbühne zum festen Standort
Die Institutionalisierung ihrer Vision erfolgte in Etappen. 1980 gründete Apel-Kossatz das Lilarum zunächst als Wanderbühne. In dieser Form brachte sie das Theater direkt zu den Kindern, was eine niederschwellige kulturelle Bildung ermöglichte und die Basis für die spätere Popularität des Ensembles legte. Erst vier Jahre später, im Jahr 1984, eröffnete sie ihr erstes festes Theater im Wiener Bezirk Penzing.

Ein entscheidender Wendepunkt war das Jahr 1997. Zu diesem Zeitpunkt zog das Theater an seinen heutigen Standort in der Göllnergasse 8 in der Landstraße, wie MeinBezirk.at detailliert. Das Gebäude selbst besitzt eine bewegte Geschichte, die den Wandel des Viertels widerspiegelt:
- 1907: Errichtung für den Katholischen Arbeiterverein Landstraße.
- Nach dem Zweiten Weltkrieg: Nutzung als Tanzlokal.
- Bis 1997: Kulturelle Brache, bis zur Wiederentdeckung durch Kossatz.
Die Transformation dieses Saals in einen Ort der Fantasie erwies sich als Erfolg. Das Theater begrüßte jährlich zwischen 30.000 und 40.000 Besucher und wurde zu einer festen Institution im 3. Wiener Gemeindebezirk. Die räumliche Gestaltung war dabei darauf ausgerichtet, eine intime Atmosphäre zu schaffen, die den kleinen Zuschauern die Angst vor der großen Bühne nahm.
Die Philosophie des „Gesamtkunstwerks“
Apel-Kossatz verstand ihre Arbeit nicht als bloße Regie, sondern als eine ganzheitliche Schöpfung. Sie kontrollierte jeden Aspekt der Produktion, von der ersten Skizze bis zur finalen Aufführung, um eine lückenlose künstlerische Einheit zu gewährleisten.

„Sie entwarf und baute die Figuren selbst, gestaltete Bühne und Licht, bearbeitete die Texte, führte Regie. Ihre Figuren – aus Schaumstoff und Stoff, Draht und Holz gefertigt – haben einen unverwechselbaren Stil: klar, farbenfroh, ohne Überflüssigkeit, aber mit großem Charakter.“
Traude Apel-Kossatz, via Lilarum-Aussendung (zitiert in SN.at)
Dieser Ansatz sicherte die ästhetische Konsistenz des Lilarum. Die Materialwahl aus Schaumstoff, Stoff, Draht und Holz war bewusst so getroffen, dass die Figuren haptisch und visuell ansprechend wirkten, ohne die Kinder durch zu komplexe oder beängstigende Details zu überfordern. Ihr Credo war dabei radikal kindzentriert: Wenn man etwas für Kinder macht, dann soll es für Kinder sein
.
Die bewusste Spezialisierung auf Vorschulkinder
Während viele Kindertheater ein breites Altersspektrum bedienen, spezialisierte sich Kossatz auf die sensiblen Jahre zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. In einem Interview mit der APA, das vor vier Jahren geführt wurde, begründete sie diese Entscheidung mit der emotionalen Fragilität der Kinder in diesem Alter.

„Ich glaube, weil man den Kleinen in diesem Alter sehr leicht wehtun kann, weil sie sehr empfindlich sind. Das Sensible im Umgang mit ihnen hat mich gereizt.“
Traude Apel-Kossatz, via APA
Damit schuf sie eine kulturelle Infrastruktur für Eltern, die ihren Kindern bereits im Vorschulalter den Zugang zum Theater ermöglichen wollten. In dieser Entwicklungsphase ist die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion noch fließend, weshalb Kossatz besonders auf eine sanfte Dramaturgie und eine schützende Umgebung achtete. Diese Strategie führte zu einer generationenübergreifenden Bindung. Kossatz beobachtete, dass frühere Besucher Jahre später zurückkehrten, um nun mit ihren eigenen Enkelkindern die Vorstellungen zu besuchen.
Der Einfluss von Apel-Kossatz auf die Wiener Kulturlandschaft bleibt laut vienna.at auch über ihren Tod hinaus spürbar. Sie hinterlässt nicht nur ein Gebäude, sondern einen etablierten Ort der Begegnung und Kreativität, der den Grundstein für die frühkindliche Theaterpädagogik in Wien mitgelegt hat.
Die Kontinuität des Theaters ist gesichert. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) bestätigte, dass die Bühne von dem Sohn der Verstorbenen weitergeführt wird, womit das Lilarum als fester Bestandteil der Wiener Kinderkultur erhalten bleibt und die Tradition der spezialisierten Figurenkultur fortgesetzt wird.
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