Cherys Strategie für den deutschen Markt

Der Markteintritt von Chery in Deutschland ist kein spontaner Vorstoß, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Vorbereitung. Mit der Doppelmarke Omoda-Jaecoo setzt das Unternehmen auf eine gezielte Lokalisierung. Die Infrastruktur steht bereits: Ein Entwicklungszentrum bei Frankfurt sowie ein übernommenes Werk in Barcelona sollen den logistischen und strategischen Fußabdruck in Europa sichern.
Chery vermeidet dabei die Falle, sich als reiner Preisbrecher zu positionieren. Stattdessen stehen Qualität und eine emotionale Markenidentität im Vordergrund, wobei insbesondere junge Zielgruppen adressiert werden. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die psychologische Barriere gegenüber chinesischen Marken zu durchbrechen.
Der Erfolg in anderen europäischen Märkten liefert bereits erste Indikatoren. In Großbritannien verkauft sich der Jaecoo 7 fast besser als der VW Golf und das Tesla Model Y zusammen. Für die etablierten deutschen Hersteller ist diese Dynamik ein Alarmsignal, da Chery nicht mehr nur über den Preis, sondern über Produktattraktivität konkurriert.
Lokalisierung als Schutzschild gegen Importzölle

Die Strategie der europäischen Produktion ist eine direkte Antwort auf die regulatorischen Hürden der EU. Strafzölle und neue Regulierungen machen reine Importmodelle zunehmend unrentabel. Die Verlagerung der Fertigung nach Europa ist daher eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
„Zum einen spart man sich die Importzölle. Die sind teilweise beträchtlich hoch, durchweg mehr als 20 Prozent.“
Dirk Dohse, Institut für Weltwirtschaft in Kiel, via MDR
Neben der Kostenersparnis durch entfallene Importzölle verfolgen chinesische Autobauer ein strategisches Interesse an Kooperationen mit deutschen Giganten wie VW. Solche Partnerschaften dienen als Katalysator für die Markenakzeptanz.
„Das kann ihnen helfen, Vertrauen und Markenbekanntheit zu gewinnen, aber auch wirtschaftspolitische Akzeptanz in Europa. Und es kann eben auch gelingen, dass man Modelle schneller auf den Markt bringt, wenn man das Know-how von deutschen und chinesischen Unternehmen zusammenbringt.“
Dirk Dohse, Institut für Weltwirtschaft in Kiel, via MDR
Das Ökosystem der Harmony Intelligent Mobility Alliance
Während deutsche Hersteller oft noch in Silos denken, setzen chinesische Firmen auf radikale Vernetzung. Ein zentrales Beispiel ist die 2023 von Huawei ins Leben gerufene Harmony Intelligent Mobility Alliance (HIMA). Hier verschmelzen Hardware-Produzenten und Software-Experten zu einem integrierten Ökosystem.
Die HIMA-Mitglieder greifen auf einen standardisierten Technologie-Baukasten zurück, der die Entwicklung massiv beschleunigt. Dazu gehören:
Die Resultate dieser Allianz sind Fahrzeuge wie der Luxeed R7 (produziert von Chery), der Shangjie Z7 (SAIC) oder die Luxuslimousine Maextro S800 (JAC). Die Software wird dabei durch das Huawei-Tochterunternehmen Yinwang Intelligent Technology bereitgestellt, was die Grenze zwischen Smartphone-Ökosystem und Automobil verwischt.
Der dramatische Absturz deutscher Marktanteile in China
Die aktuelle Lage der deutschen Industrie lässt sich präzise an der Auto China 2026 in Peking ablesen. Die deutschen Stände sind dort symbolisch in zwei Hälften geteilt: die „alte Welt“ der Verbrenner und die „neue Welt“ der Smart Cars. Während chinesische Hersteller nur noch die neue Welt besetzen, hängen deutsche Marken zwischen den Stühlen.
Die nackten Zahlen belegen den Verlust der Dominanz im wichtigsten Markt der Welt:
Der Kern des Problems ist nicht mehr der Antrieb. In China gilt die Frage nach dem Treibstoff als erledigt; Elektrofahrzeuge sind ein „Done Deal“. Der Wettbewerb hat sich auf die Software-Ebene verschoben. KI, Geschwindigkeit und Konnektivität sind die neuen Differenzierungsmerkmale. Aktuell entfallen 30 bis 40 Prozent der Fahrzeugkosten allein auf Software und Elektronik.
„German brands are being ‘murdered’ by their own legacy and a resistance to rapid change.“
Analyst aus Shanghai, via FOCUS online
Diese Einschätzung wird durch die interne Wahrnehmung gestützt. Der China-Chef von VW konstatierte, dass junge Kunden die Marke primär als die „Marke ihrer Eltern“ wahrnehmen. Die deutsche Industrie kämpft somit nicht nur gegen technische Überlegenheit, sondern gegen ein veraltetes Image und eine interne Trägheit, die den Anschluss an die Geschwindigkeit des chinesischen Marktes verhindert hat.
Die Expansion von Herstellern wie Chery nach Europa ist somit nur die zweite Phase eines Prozesses. Zuerst haben die chinesischen Autobauer den heimischen Markt durch Software-Integration und Geschwindigkeit erobert. Jetzt bringen sie dieses Modell, gestützt durch lokale Produktionsstätten, in den Kernmarkt der deutschen Industrie.