Mit einer EU-Förderung von 1,5 Millionen Euro erforscht die Universität Aarhus geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gefäßerkrankungen.
Ein Starting Grant des Europäischen Forschungsrats im Rahmen des Programms Horizon Europe stellt 1,5 Millionen Euro für die Erforschung biologischer Geschlechtsunterschiede bei Gefäßerkrankungen bereit. Das an der dänischen Universität Aarhus angesiedelte Forschungsprojekt DISSEX widmet sich der computergestützten und experimentellen Abbildung dieser Differenzen in Herzarterienmodellen.
Fokus auf spontane Koronararteriendissektion und DISSEX-Projekt
Im Zentrum der Forschungsarbeit an der Universität Aarhus steht die spontane Koronararteriendissektion, kurz SCAD. Dieses kardiovaskuläre Krankheitsbild betrifft überwiegend Frauen und tritt häufig ohne die klassischen Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen auf. Um die zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen, kombiniert das Projekt Laborversuche, bildgebende Verfahren und Computermodelle an lebendem menschlichem Koronargewebe. Langfristig strebt das Team die Entwicklung personalisierter Rupturrisiko-Karten an, um gefährdete Gefäßbereiche präziser identifizieren zu können.
Geleitet wird das Vorhaben von Monika Colombo. Als klinischer Berater begleitet Simon Winter, Kardiologe am Krankenhaus Gødstrup, das Projekt.
Epidemiologische Befunde im European Heart Journal
Die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung unterstreichen internationale epidemiologische Erhebungen. Aus einer im European Heart Journal publizierten Auswertung der Global Burden of Disease Studie für die Jahre 1990 bis 2023 in 55 Mitgliedsstaaten der European Society of Cardiology (ESC) geht hervor, dass im Jahr 2023 etwa 55 Prozent der Neuerkrankungen (entsprechend 6 Millionen) sowie 50 Prozent der Todesfälle (entsprechend 1,5 Millionen) auf das weibliche Geschlecht entfielen.
Obwohl die Gesamtzahl neuer Herz-Kreislauf-Fälle in diesen Staaten im Beobachtungszeitraum um 26,5 Prozent zurückging, variiert die Verteilung der einzelnen Diagnosen stark zwischen den Geschlechtern. So war bei den Patientinnen in 21 Prozent der Fälle eine ischämische Herzkrankheit ursächlich, während dieser Wert bei den Männern bei 38 Prozent lag. Dagegen lag der Anteil peripherer Arterienerkrankungen bei Frauen bei 23 Prozent gegenüber 19 Prozent bei Männern.
Risikofaktoren und Disparitäten in der Diagnostik
Hinsichtlich der Risikofaktoren zeigten sich ebenfalls geschlechtsspezifische Abweichungen: Bei männlichen Studienteilnehmern lagen die Tabak- und Alkoholkonsumwerte um 10 bis 20 Prozentpunkte höher, während bei Frauen ein erhöhter Body-Mass-Index sowie Bewegungsmangel um 5 bis 15 Prozentpunkte stärkere Auswirkungen zeigten. Darüber hinaus ließ sich ein Viertel der weiblichen Neuerkrankungen auf mütterliche Hypertonie zurückführen, wobei zwischen den einzelnen Staaten Unterschiede von bis zu dem 18-Fachen registriert wurden. Auch die Streubreite der Inzidenz war bei Frauen mit dem etwa Dreifachen größer als bei Männern, wo sie beim Zweifachen lag; bezüglich der Sterblichkeit traten sogar Varianzen von bis zum 25-Fachen zutage.
Mediziner betonen in diesem Zusammenhang immer wieder, dass das Herz von Frauen im Vergleich zum männlichen Organ kleiner, steifer und weniger dehnbar beschaffen ist, weshalb ein unauffälliges Elektrokardiogramm Herzerkrankungen keineswegs ausschließt. Dennoch zeigen sich in der klinischen Praxis fortlaufend Ungleichgewichte. Treten bei einem Herzinfarkt untypische Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit oder Rückenschmerzen auf – was bei Patientinnen vermehrt beobachtet wird –, zieht dies oft Verzögerungen bei der Diagnose nach sich. Auch im Behandlungsalltag und der Studienlandschaft bestehen Diskrepanzen fort, da im Zeitraum von 2010 bis 2017 der Frauenanteil unter den Teilnehmenden kardiologischer Studien bei maximal 39 Prozent lag.
Auch interessant