Die Ablehnung der routinemäßigen Vitamin-K-Spritze für Neugeborene hat in den USA deutlich zugenommen, wie zwei im November 2026 veröffentlichte Großstudien in Fachzeitschriften wie JAMA belegen. Gleichzeitig stiegen lebensgefährliche Blutungsstörungen bei Säuglingen drastisch an.
Im Jahr 2025 erhielten rund 6,8 Prozent aller Neugeborenen in den Vereinigten Staaten keine intramuskuläre Injektion des lebenswichtigen Nährstoffs, wie eine Untersuchung von Forschern um Kristan Scott von der Children’s Hospital of Philadelphia zeigt. Das entspricht einer Verdopplung gegenüber 2017, als die Verweigerungsrate noch bei 3,1 Prozent lag. Eine parallel im JAMA Pediatrics veröffentlichte Studie unter Leitung von Dr. Elizabeth Wolf von der Virginia Commonwealth University analysierte die elektronischen Krankenakten von mehr als 11 Millionen Kleinkindern zwischen 2017 und 2025. Dabei stieg die Rate an Vitamin-Mangel-Blutungen um 216 Prozent, während schwere Vitamin-K-Mangel-Blutungen (VKDB) gar um 347 Prozent zunahmen.
Steigendes Risiko für Gehirnblutungen und Säuglingssterblichkeit
Säuglinge, die keine Prophylaxe erhielten, wiesen in den ersten sechs Lebensmonaten ein um 47 Prozent höheres Risiko für Blutungsereignisse auf als Kinder mit Spritze. Das Risiko für intrakranielle Blutungen – also Einblutungen in das Schädelinnere – sowie das Sterberisiko während des Geburtshausaufenthalts verdoppelten sich bei Nicht-Empfängern jeweils. Die American Academy of Pediatrics empfiehlt die Verabreichung einer einmaligen Dosis seit 1961, da Neugeborene über die Plazenta nur unzureichend versorgt werden und Muttermilch zu wenig Vitamin K enthält.
Die Mediziner führen den Rückgang der Verabreichung auf eine wachsende Skepsis gegenüber etablierten Schutzmaßnahmen und zunehmendes Misstrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitsbehörden zurück. Ähnlich wie bei den jüngsten Masernausbrüchen sehen wir die realen Auswirkungen eines wachsenden Misstrauens gegenüber Ärzten und Gesundheitsprofis
, erklärte Elizabeth Wolf, Pädiatrin am Children’s Hospital of Richmond, laut Berichten von VCU News und HuffPost. Die Studienautoren betonen zudem, dass es sich bei Vitamin K um kein Impfstoff, sondern um einen essentiellen Nährstoff zur Unterstützung der Blutgerinnung handelt.
Forderungen nach Datenerfassung und neuen Aufklärungswegen
Angesichts der aktuellen Daten fordern Parlamentarier und Mediziner, dass die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) Fälle von Vitamin-K-Mangel-Blutungen systematisch erfassen. Ein begleitender Leitartikel in den Fachpublikationen bringt zudem ins Gespräch, in den USA einen schadensreduzierenden Ansatz mit oralen Vitamin-K-Alternativen zu prüfen, falls die Ablehnung der Spritze weiter zunimmt.
Heather Burris, MD, MPH, vom Children’s Hospital of Philadelphia und weitere Autoren berichteten im JAMA, dass Säuglinge ohne prophylaktische Vitamin-K-Gabe ein um 47 Prozent erhöhtes Blutungsrisiko bis zum Alter von sechs Monaten aufwiesen (288,0 gegenüber 185,9 pro 10.000; adjusted risk ratio [RR] 1,47, 95%-KI 1,43–1,51). Gleichzeitig zeigte sich, dass diese Kinder ein mehr als doppelt so hohes Risiko für intrakranielle Blutungen (33,0 gegenüber 13,2 pro 10.000; adjusted RR 2,43, 95%-KI 2,26–2,62) sowie für Todesfälle mit gleichzeitigem Blutungsgeschehen während des Krankenhausaufenthalts zur Geburt (2,9 gegenüber 1,1 pro 10.000; adjusted RR 2,69, 95%-KI 2,09–3,47) trugen.
An der Auswertung beteiligten sich unter anderem Darya Shokouhi Niaki, Pharm.D., vom Department of Biostatistics der VCU School of Public Health sowie Forscher des Kenneth and Dianne Wright Center for Clinical and Translational Research. Steven Woolf, Professor für Familienmedizin und Bevölkerungsgesundheit an der Virginia Commonwealth University und Mitautor der Studie in JAMA Pediatrics, wies darauf hin, dass man seit Generationen keinen solchen Anstieg an Komplikationen erlebt habe. Anna Morad, Ärztin am Neugeborenen-Nursery des Monroe Carell Jr. Children’s Hospital at Vanderbilt in Nashville, bezeichnete die realen Zahlen betroffener Kinder als erschütternd und betonte, dass es sich um bekannte, wissenschaftlich bewiesene Fakten handele.
Scott Hadland berichtete zudem, dass er ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betreut, die unter langfristigen Folgen schwerer Gehirnblutungen leiden.
Die Weltgesamtheitsorganisation sowie weitere führende Gesundheitsbehörden empfehlen die Vitamin-K-Injektion ebenfalls dringend, da Vitamin K nur in geringen Mengen über die Plazenta übertragen wird und weder Muttermilch noch Säuglingsnahrung ausreichende Mengen davon enthalten. Ein in den Fachpublikationen veröffentlichter Leitartikel plädiert dafür, dass Kinderärzte, öffentliche Gesundheitsbehörden und Hersteller wie Pfizer eng zusammenarbeiten, um Familien umfassend aufzuklären und barrierefreie Wege für orale Alternativen zu schaffen. Fragen zu dieser medizinischen Entscheidung sowie zu möglichen Warnsignalen und Risiken sollten Eltern stets im direkten Gespräch mit qualifizierten Fachleuten besprechen.

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