Ein automatisches Alarmsystem der japanischen Wetterbehörde löste am Freitag versehentlich eine landesweite Erdbebenwarnung der Stufe 9,9 aus. Die Fehleinschätzung nach einem realen Beben vor der russischen Halbinsel Kamtschatka führte zu Schreckmomenten, automatischen Bahnstopps und Netzwerkausfällen, bevor die Behörde den Alarm kurz darauf zurückzog.
Falscher Mega-Alarm erschüttert Japan nach Beben vor Kamtschatka
Am Freitagnachmittag um genau 12:40 Uhr Ortszeit schrillten in großen Teilen Japans die Notfallalarme auf Mobiltelefonen, während automatische Lautsprecher an Gebäuden liefen und Fernsehsender eilends vor einer katastrophalen Erschütterung warnten. Die Japan Meteorological Agency (JMA) hatte ein Erdbeben der Stufe 9,9 gemeldet und maximale Intensitätswerte auf der japanischen Skala prognostiziert.
Doch die Erde blieb weitgehend ruhig.
Auslöser der Panik war ein echtes Erdbeben, das nur wenige Minuten zuvor um 12:38 Uhr Ortszeit vor der russischen Halbinsel Kamtschatka registriert worden war. Während die Europäisch-Mittelalterliche Seismologische Zentrale (EMSC) den Wert zunächst auf 7,0 bezifferte und die USGS ihn auf 6,9 korrigierte, schätzte das automatisierte japanische System das Ereignis falsch ein.
Technische Fehlberechnung und die Dimensionen der Zahlen
Ayataka Ebita, der Leiter der Erdbeben- und Tsunami-Beobachtungsdivision der JMA, erklärte auf einer Pressekonferenz, dass das System den Epizentrum fälschlicherweise den Kurilen-Inseln zugeordnet und die Magnitude massiv überschätzt hatte. Einen Cyberangriff schloss die Behörde aus.

Die genannte Zahl von 9.9 ist laut JMA der höchste Wert, den das System extern überhaupt ausgeben kann. Ein Beben dieser Stufe hätte alle bekannten historischen Aufzeichnungen gesprengt. Das stärkste jemals gemessene Erdbeben in der Geschichte ereignete sich am 22. Mai 1960 in Biobio, Chile, und erreichte eine Magnitude von 9,5. Ein fiktives Beben der Stufe 9,9 hätte demgegenüber etwa 32.000 Mal so viel Energie freigesetzt wie das tatsächliche Beben vor Kamtschatka.
In der historischen Aufzeichnung der Erdbeben gibt es insgesamt nur fünf registrierte Erschütterungen mit einer Magnitude von 9 oder höher. Dazu gehört das Beben vor der Halbinsel Kamtschatka in Russland aus dem Jahr 1952 mit einer Stärke von 9,0, welches als das erste jemals offiziell erfasste Mega-Beben dieser Größenordnung gilt. Spätere Erdbeben umfassten das schwere Seebeben vor Alaska im Jahr 1964 mit einer Stärke von 9,2 sowie das verheerende Große Ostjapan-Erdbeben im März 2011 mit einer Magnitude von 9,1, das in der Region Tohoku schwere Zerstörungen, einen Tsunami und den Nuklearunfall von Fukushima auslöste. Bei dem Ereignis in Alaska starben 131 Menschen, während die historischen Tsunami- und Erdbebenkatastrophen in Südasien, Südostasien und Ostafrika noch weit höhere Opferzahlen forderten.
Um eine Stärke von 9,9 zu erreichen, müsste nach Angaben von Geowissenschaftlern eine einzige tektonische Platte über eine Bruchlinie aufreißen, die länger ist als fast alle Ozeangräben auf der Erde.
Rücknahme des Alarms und spürbare Folgen im Alltag
Bereits acht bis zwölf Minuten nach der ersten Warnung zog die JMA den Notruf offiziell zurück. Um 12:48 Uhr erließ die Behörde einen Stornierungsbescheid. Nach Angaben der JMA war dies das erste Mal, dass eine Notfallwarnung der höchsten Alarmstufe formell zurückgenommen werden musste.

Die Verwirrung erfasste den öffentlichen Raum und den Verkehr. So stoppte das automatische Sicherheitssystem der Central Japan Railway die Tokaido-Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge für etwa 15 Minuten, bevor der Betrieb wieder aufgenommen wurde. Gleichzeitig meldete der Telekommunikationsanbieter NTT Docomo, dass es aufgrund einer Systemstörung bei seinem Area Mail
-Frühwarnsystem in Teilen Ostjapans zu Ausfällen gekommen war, weshalb einige Kunden trotz des Alarms keine Kurznachricht erhalten hatten.
Ich habe noch nie ein Erdbeben erlebt und erwartete die heftigen Erschütterungen und dass alles um mich herum herunterfällt.
Studentin, via The Japan Times und The Times of India
Frühere Fehlalarme und laufende Untersuchungen
Für die japanische Wetterbehörde reiht sich der Vorfall in frühere Fehlalarme ein. Im Juli 2020 gab die JMA eine Fehlwarnung für 15 Präfekturen aus, nachdem Standort und Stärke eines Bebens falsch berechnet worden waren. Im August 2013 führte Rauschen von einem Meeresbodenseismometer in Kombination mit einem kleineren Beben zu irrtümlichen Warnungen in der Kinki-Region.
Ein Tsunami-Risiko bestand zu keinem Zeitpunkt; weder für Japan noch für Hawaii, wie das Pacific Tsunami Warning Center bestätigte. Die Behörden untersuchen weiterhin die genauen Ursachen für die aktuelle Fehlkalkulation.
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