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Welt

Israel führt Krieg wie ein Videospiel

Der umstrittene Dokumentarfilm Naza beleuchtet den Gaza-Krieg durch die Aussagen von 24 anonymisierten israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern. Das Werk feiert am 1. Oktober 2026 in über 50 Ländern seine weltweite Kinopremiere und sorgt bereits im Vorfeld international für heftige politische Diskussionen sowie juristische Reaktionen in Israel.

Kino-Weltpremiere und Produktionshintergrund von «Naza»

Der von dem israelischen Regie-Duo Yuval Abraham und Rachel Szor inszenierte Dokumentarfilm läuft in Schweizer Kinos an, nachdem er zuvor bereits am Zurich Film Festival sowie am Filmfestival in Venedig gezeigt wurde. Die Produktion entstand unter Mitwirkung der britischen Tageszeitung The Guardian, deren vorausgegangene Rechercheergebnisse einen wesentlichen Teil der filmischen Grundlage bilden. Executive Producer des Projekts ist Jonathan Glazer. Nach der weltweiten Kinoauswertung in mehr als 50 Ländern ist zudem geplant, den Film in zwei Monaten frei zugänglich auf der Website der britischen Zeitung zu veröffentlichen.

Für die visuelle Umsetzung wählten die Regisseure eine markante Ästhetik. Gedreht wurde überwiegend nachts auf Dächern in Tel Aviv vor einer glitzernden, beleuchteten Skyline, während aus dem Dunkel Berichte über Bombardierungen und Überwachung klingen. Die Identität der sprechenden Personen bleibt verborgen: Die Interviews wurden mit digital verfremdeten Stimmen und Schattenumrissen aufgezeichnet. Diese anonyme Methode soll dem Schutz von Whistleblowern dienen und ist nachvollziehbar sowie notwendig, um sie vor Strafverfolgung zu schützen, wirft jedoch in der Rezeption zentrale Fragen zur journalistischen Überprüfbarkeit auf, da eine unabhängige Überprüfung einzelner Behauptungen dadurch nahezu unmöglich gemacht wird.

Israel führt Krieg wie ein Videospiel
Foto: welt.de

Künstliche Intelligenz und die Mechanik der Zielerfassung

Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen algorithmische Zielerfassungs- und Überwachungssysteme des israelischen Militärs. Der erste Teil des Films widmet sich ausführlich dem KI-gestützten System Lavender, das riesige Datenmengen im Nu verarbeitet und eine hochgradig ausdifferenzierte Identifizierung einzelner Personen in Sekundenschnelle ermöglicht, um Ziele zu bestimmen. Ergänzend dazu beleuchtet der Film den Einsatz von Big Data und Künstlicher Intelligenz im Gaza-Krieg. Ein Zeuge beschreibt zudem, wie er Personen im Krieg beobachtete, während Archivaufnahmen – darunter eine von Benyamin Netanjahu aus dem Jahr 1986 in der Sendung «Firing Line with William F.» – eingespielt werden, und ein Betroffener erinnert sich nicht mehr an die Zahl der Zivilisten, die er selbst getötet hat.

Der Titel des Films leitet sich von dem Begriff nezek agavi ab, der im israelischen Militärjargon für Kollateralschäden verwendet wird. Ein ehemaliger Soldat fasst die Logik der Einsätze mit den Worten zusammen, das Ziel sei die Quantität und nicht die Qualität gewesen, wobei ein mutmassliches Ziel Angriffe rechtfertigte, die 20, 30, manchmal 300 Tote verursachten, während das Maximum bis zu 500 Tote für ein potenzielles Ziel betrug. Ein weiterer Zeuge beschreibt die Operationen zunehmend als Datensätze, in denen zivile Opfer als berechenbare Grösse erscheinen, und vergleicht das Vorgehen wie ein Videospiel.

Israel führt Krieg wie ein Videospiel
Foto: 20min.ch

Kritik, Gegenpositionen und juristische Reaktionen in Israel

Die israelische Regierung und das Militär weisen die Vorwürfe des Films entschieden zurück. Offizielle Stellen betonen, dass es unmöglich sei, die Identität und die Funktionen der 24 anonymen Interviewpartner unabhängig zu überprüfen. Insbesondere die Behauptung, bei einem einzelnen Angriff seien bis zu 500 zivile Tote als akzeptabler Kollateralschaden einkalkuliert worden, wird von offizieller Seite ausdrücklich bestritten.

Medienkritiker weisen darauf hin, dass der Film zwar die verheerenden Folgen der Bombardierungen detailliert abbildet, jedoch eine seriöse Kontextualisierung vermissen lässt und die militärischen Bedingungen, unter denen die Angriffe stattfinden, nur sehr begrenzt erklärt. Die asymmetrische Kriegsführung der Hamas, ihr umfangreiches Tunnelsystem sowie die Nutzung dicht besiedelter Gebiete für militärische Infrastruktur werden kaum thematisiert, und auch der Umstand, dass zivile Opfer nach dem internationalen humanitären Völkerrecht unter bestimmten Bedingungen akzeptabel sind, bleibt unerwähnt. Premierminister Benyamin Netanjahu hat Lügen angeprangert, die auf israelische Soldaten abzielen. Als Reaktion will seine Regierung eine Gesetzesänderung vorantreiben, die es erlauben würde, Personen die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen, die beschuldigt werden, Soldaten oder den Staat zu verleumden, und die Regierung prüft zudem weitere rechtliche Schritte gegen die Regisseure.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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