Bis zum Jahr 2045 drohen dem deutschen Arbeitsmarkt schätzungsweise 229.000 Stellen durch den Mangel an erwerbstätigen pflegenden Angehörigen verloren zu gehen. Laut einer aktuellen Analyse der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos übernehmen überwiegend Frauen die Pflegearbeit daheim, was ihre berufliche Entwicklung stark bremst.
Deutschland steuert bei der Versorgung hilfsbedürftiger Menschen auf eine massive Belastungsprobe zu. Einerseits verschärft der demografische Wandel den allgemeinen Fachkräftemarkt, andererseits bindet die steigende Zahl privater Pflegebedürftiger immer mehr Beschäftigte im erwerbsfähigen Alter. Eine gemeinsame Modellrechnung der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG zeigt auf, wie stark der arbeitsmarktpolitische Druck durch die informelle Pflege in den kommenden zwei Jahrzehnten anwachsen wird.
Steigender Pflegebedarf und sinkendes Erwerbspotenzial bis 2045
Im Jahr 2023 lebten in Deutschland rund 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. Rund drei Viertel aller Pflegebedürftigen waren damals 65 Jahre oder älter, mehr als die Hälfte über 80 Jahre alt. Die Bestandsanalyse beziffert die Gesamtzahl der Bedürftigen inzwischen auf rund sechs Millionen, wobei drei Viertel von ihnen im Alter von 65 Jahren oder älter sind und mehr als die Hälfte die Altersgrenze von 80 Jahren überschritten hat.
Bis zum Jahr 2045 wird sich dieses Verhältnis grundlegend verschieben. Die Zahl der Pflegebedürftigen soll auf mehr als sieben Millionen ansteigen, während gleichzeitig voraussichtlich 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen werden. Wenn sich an den Rahmenbedingungen für die Betroffenen nichts ändert, entzieht diese Entwicklung dem Arbeitsmarkt kontinuierlich Erwerbspotenzial. Das hemmt die berufliche Entwicklung der Betroffenen und trübt die gesamtwirtschaftlichen Wachstumsaussichten.
Die Analyse trägt den Titel „Informelle Pflege und Erwerbstätigkeit“. Darin wird betont, dass informelle Pflege für einen relevanten Teil der erwerbstätigen Bevölkerung Bestandteil des Alltags ist und mit der Erwerbstätigkeit vereinbart werden muss. Für das Jahr 2026 beziffert die Untersuchung die mit der Angehörigenpflege verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch 184.000 Vollzeitäquivalente. Bis zum Jahr 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen, was einem Zuwachs von knapp 25 Prozent entspricht.”
Geschlechtsspezifische Lastenverteilung bei der häuslichen Versorgung
Die Hauptlast der unbezahlten Pflegearbeit tragen traditionell Frauen. Nach den zugrunde gelegten Daten aus dem Jahr 2023 stellten sie 63 Prozent der pflegenden Angehörigen. Im Schnitt investieren Frauen zudem rund sechs Stunden mehr pro Woche in die Pflege als Männer und reagieren häufiger mit einer schrittweisen Arbeitszeitreduzierung.

Weil Frauen besonders oft zeitintensiv mit mindestens zehn Stunden pro Woche pflegen, fällt ihr Anteil am prognostizierten Erwerbsverlust überproportional hoch aus. Die Berechnungen für das Jahr 2045 gehen davon aus, dass rund 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung entweder weniger oder gar nicht erwerbstätig sein werden. Umgerechnet entspricht dies einem Verlust von etwa 173.000 Vollzeitstellen – und damit dem weitaus größten Teil des gesamtem Einbruchs.
Bei geringerer Belastung setzen sie ihre meist vollzeitnahe Beschäftigung unverändert fort, bei hoher Belastung folgen Männer eher dem Prinzip „Alles oder nichts“.
Analyse der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos, via WELT
Forderungen an Politik und Arbeitgeber für eine bessere Vereinbarkeit
Angesichts der drohenden Lücken fordern Experten ein Umsteuern auf politischer und betrieblicher Ebene. Der wachsende Pflegebedarf dürfe keinesfalls zu Rückschritten bei der Gleichstellung im Berufsleben führen. Neben dem Ausbau ambulanter Pflegedienste und dem Einsatz technischer Hilfen wie Pflegerobotern steht vor allem die betriebliche Flexibilität im Fokus.
Unternehmen sind angehalten, flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten im Homeoffice sowie konkrete Rückkehrprogramme für Beschäftigte nach einer berufsbedingten Auszeit anzubieten. Ohne solche Unterstützungsstrukturen droht die informelle Pflege für viele Beschäftigte zur dauerhaften beruflichen Sackgasse zu werden.
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